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Hygiene des Geschlechtslebens

Max von Gruber, Bücherei der Gesundheitspflege Band 13, 5. Auflage, Stuttgart 1912

 

Kapitel 4: Der Geschlechtstrieb und die angebliche hygienische Notwendigkeit des Beischlafes.
Von Professor Dr. Max von Gruber.


4. Kapitel: Der Geschlechtstrieb und die angebliche hygienische Notwendigkeit des Beischlafs.



In unseren Gegenden beginnt beim Knaben etwa im 14. oder 15. Lebensjahre die sog. Pubertäts- oder Mannbarkeitsperiode, d.h. die Zeit, in welcher die männlichen Geschlechtsdrüsen erst ihre volle Reife und Ausbildung erlangen. Sie dauert mehrere Jahre. Um diese Zeit stellt sich eine erhebliche Vergrößerung der Hoden ein, in denen jetzt erst die Bildung der Spermatozoen beginnt.*

* von dieser Regel gibt es viele Ausnahmen. Es sind Fälle von Befruchtung durch 11 jährige Knaben bekannt. Ebenso kommt verspäteter Eintritt der Geschlechtsreife vor.

Beim Mädchen beginnt die Geschlechtsreife in der Regel etwas früher. Sie ist bei diesem durch das rasche Wachstum der Eierstöcke und durch die Ausbildung reifer Eier charakterisiert. Alle 28 Tage wird in der Regel ein Ei reif und aus dem Eierstock in die Eileiter befördert. Zur Zeit dieses Vorganges tritt eine Erweiterung der Gefäße in der Schleimhautauskleidung der Gebärmutter ein. Ein Teil der Gebäße zerreißt und Blut tritt aus ihnen aus. Das ausgetretene Blut (etwa 100-200 ccm) fließt aus den äußeren Geschlechtsteilen ab. Der Blutausfluß dauert normalerweise drei bis vier Tage (Monatliche Blutung, Periode, Menstruation). Bei der gesunden Frau wiederholt sich der Vorgang der Menstruation in der geschilderten Weise vom Beginne der Geschlechtsreife bis zum Eintritte des sog. Klimakteriums oder Wechsels zwischen dem 45. bis 50. Lebensjahre. Nur solange die Frau menstruiert, ist sie befruchtungsfähig. Während der Schwangerschaft und während des Stillens setzt die Menstruation in der Regel vollständig aus.

Beim Manne findet die Samenabsonderung ununterbrochen statt. Sie hält auch in viel höheres Alter hinein an, als die Bildung reifer Eier bei der Frau. Wenn sich eine gewisse Menge Samen in den Ausführungsgängen der Hoden angesammelt hat, kommt es zu freiwilliger Samenentleerung; normalerweise zur Nachtzeit: nächtliche Pollution. Ihr erstes Auftreten bezeichnet scharf den Eiutritt der Pubertät.

Mit der Pubertät entwickeln sich auch die sogenannten sekundären Geschlechtscharaktere. Beim Jünglinge wie beim Mädchen beginnen an den äußeren Geschlechtsteilen und in den Achselhöhlen, beim Manne auch an den Lippen, am Kinne und an den Backen Haare hervorzusprossen; die äußeren Geschlechtsteile, beim Manne das Glied, beim Weibe die Brustdrüse, beginnen rasch zu wachsen; der ganze Körper, namentlich das Knochen- und Muskelsystem, treten in eine Periode stärkeren Wachstums ein; auch der Kehlkopf nimmt, insbesondere beim Manne, rasch an Größe zu, was die bekannte Veränderung der Stimmlage, das Mutieren, zur Folge hat. Alle diese Veränderungen sind Folgen des Beginnes der Tätigkeit der Geschlechtsdrüsen und bleiben aus, wenn die Hoden vor Eintritt der Pubertät entfernt werden (bei Kastraten). Sie sind darauf zurückzuführen, daß die tätigen Keimdrüsen neben Samen und Ei noch andere Stoffe absondern, die ins Blut übergehen und dann auf die verschiedenen Organe des Körpers einwirken (Innere Sekretion). Diese inneren Absonderungen der Geschlechtsdrüsen wirken auch auf das Zentralnervensystem ein und führen die Entwicklung des männlichen und weiblichen seelischen Geschlechtscharakters und das freiwillige Erwachen des Geschlechtstriebes herbei.

Der Geschlechtstrieb äußert sich in verschiedener Weise: als Verlangen nach geschlechtlicher Vereinigung und als Verlangen nach Nachkommenschaft. Bei noch unberührten Frauen guter Art ist meistens dieses letztere Verlangen viel stärker als das erstere.

Der Begattungstrieb äußert sich zunächst darin, daß der Anblick oder die Vorstellung einer Person des anderen Geschlechtes Freude erregt, den Wunsch nach Annäherung, nach Berührung, Umarmung, nach Gegenliebe zu erwecken vermag. Bei der unberührten Jungfrau geht das Verlangen in der Regel nicht weiter; ja es gibt nicht wenige Frauen, die zeitlebens in Kuß und inniger Umarmung volle Befriedigung finden würden, denen der eigentliche Begattungsakt keine besondere Lust gewährt und die den Beischlaf nur aus Verlangen nach Nachkommenschaft und aus dem Wunsche, dem geliebten Manne Freude zu bereiten, gestatten. Gerade derartige Frauen geben häufig treffliche Hausfrauen und Mütter ab.

Beim Manne aber führt die Befriedigung des Verlangens nach Berührung zum immer stärker anschwellenden Verlangen nach dem Vollzuge der Begattung, zu welcher ihn die inzwischen eingetretene Steifheit des Gliedes befähigt.

Beim Beischlafe wird das infolge der geschlechtlichen Erregung steif gewordene Glied in die Scheide hineingeschoben und in derselben hin und her bewegt. Infolge der Reibung und des dadurch bewirkten Nervenreizes kommt es zur Ausschleuderung des Samens, zur Ejakulation. Der Samen wird zuerst aus den Nebenhoden in die Samenleiter gedrückt und in diesen dann durch die erwähnten wurmartigen Zusammenziehungen ihrer Muskeln weiter bis in die Harnröhre gepreßt. Zugleich mit dem Samen werden auch die Abänderungen der Blasendrüsen und der Vorsteherdrüse in die Harnröhre ergossen. Alsbald folgen Zusammenziehung der Muskelfasern des häutigen Teiles der Harnröhre und jener Muskeln, welche die hinteren Teile der Schwellkörper umhüllen, so daß die gemischten Flüssigkeiten aus der Mündung der Harnröhre stoßweise herausgeschleudert werden. Der Schließmuskel der Harnblase hat sich gleichzeitig ebenfalls so fest als möglich zusammengezogen, so daß der Samen aus der Harnröhre nur nach vorne und nicht nach hinten in die Blase befördert werden kann.

Der ausgeschleuderte Samen gelangt in die Scheide, manchmal aber durch den sich öffnenden Muttermund zum Teil unmittelbar in den Halskanal der Gebärmutter. Auf alle Fälle gelangt ein Teil der Spermatozoen auf der Suche nach dem Ei mit der Zeit in die Gebärmutter und in die Eileiter, nicht selten bis in die Bauchhöhle. Nach ihrer Auflösung gelangen ihre Bestandteile in die Säfte des Weibes. Es ist also in der Anatomie und Physiologie begründet, wenn die Frau instinktiv zurückhaltender ist als der Mann und wenn selbst eine tiefstehende Moral, die dem Manne keine Zügel anlegt, von ihr geschlechtliche Zurückhaltung streng fordert. Auch wenn es nicht zur Befruchtung mit allen ihren für die Frau so gewichtigen Folgen kommt, bedeutet der Beischlaf für die Frau eine unvergleichlich tiefere und nachhaltigere körperliche Einwirkung als für den Mann.

Mit Eintritt der Ejakulation sinkt das geschlechtliche Verlangen sofort auf Null herab, um erst nach einiger -allerdings sehr ungleich langer - Zeit wiederzuerwachen. Das äußere Kennzeichen dafür ist die normalerweise alsbald nach der Ejaukulation eintretende vollständige Erschlafsung des Gliedes.

Auch bei der geschlechtlich stärker erregbaren oder durch das geschlechtliche Zusammenleben stärker erregbar gewordenen Frau stellt sich unmittelbar vor und während des Beischlafes eine starke Blutfüllung in den Geschlechtsteilen und infolgedessen ebenfalls ein Verlangen nach Entspannung ein. Beide Erscheinungen erlöschen erst dann vollstendig, wenn eine gewisse Höhe der Wollustempfindung (geschlechtlicher Orgasmus) überschritten worden ist, ähnlich der, welche beim Manne die Emulation zu begleiten pflegt.

Die Befriedigung des Geschlechtstriebes durch den Beischlaf ist für gesunde, reife Menschen ohne Zweifel das Naturgemäße. Indessen ist es mit der Heranzucht einer gesunden und tüchtigen Nachkommenschaft, mit höherer Kultur und geordnetem Gesellschaftsleben überhaupt unvereinbar, daß jeder das auftauchende Verlangen ohne weiteres befriedigt - blindlings Kinder in die Welt setzte. Die gesetzliche Ordnung des Geschlechtsverkehrs ist eine soziale Notwendigkeit. Natur und Kultur befinden sich da im Widerstreite, und jede Generation ist von neuem vor die folgenschwere Entscheidung gestellt, wie sie sich mit den einander widerstreitenden Forderungen abfinden kann und abfinden will.

Es interessiert uns daher vor allem die Frage, ob die Befriedigung des Geschlechtstriebes durch den Beischlaf eine hygienische Notwendigkeit ist; ob die geschlechtliche Enthaltung schädlich ist, etwa wie die Nichtbefriedigung des Hungers, des Durstes, des Schlafbedürfnisses?

Muß, ganz abgesehen von der Befriedigung des Verlangens nach Beischlaf, der Samen aus dem Körper des Mannes häufig entfernt werden, wie der Harn oder der Darmkot?

Von all dem kann keine Rede sein. Der Nahrungstrieb, der Schlaftrieb dienen der Erhaltung des Individuums. Sie müssen befriedigt werden, wenn nicht das Individuum zugrunde gehen soll; der Geschlechtstrieb aber dient nur der Erhaltung der Gattung; er sucht das Individuum rücksichtslos einem seinem individuellen Leben ganz fremden Zwecke zu unterjochen.

Der Mann ist bei uns etwa erst im 24. Jahre voll erwachsen; das Mädchen etwa erst mit 20 Jahren voll gebärfähig, da erst in diesem Alter das Wachstum seines knöchernen Beckens vollendet ist. Lange, bevor die volle körperliche Entwicklung eingetreten ist, erwacht aber schon der Trieb. Die Befriedigung des Geschlechtstriebes vor Vollendung der Entwicklung ist aber keineswegs zuträgliche wie die höhere Sterblichkeit jugendlicher Ehemänner und Ehefrauen unter 20 Jahren im Vergleiche mit ihren ledigen Altersgenossen lehrt. Ebenso zeigt sich der Geschlechtstrieb bei Männern gar nicht selten nach im hohen Alter, und auch hier lehrt die Erfahrung daß seine Befriedigung überaus schädlich werden kann. Diese Tatsachen beweisen aufs klarste, wie ganz anders es sich mit dem Fortpflanzungstriebe verhält als mit dem Selbsterhaltungstriebe.

An eine Schädlichkeit der Zurückhaltung des Samens im Körper ist erst recht nicht zu denken. Der Samen ist kein schädlicher Auswurfstoff, kein Stoffwechselabfallstoff wie der Harn oder der Kot. Man hat darüber Experimente gemacht, indem man Menschen Samenflüssigkeit oder wäßrige Auszüge aus Eierhoden unter die Haut gespritzt hat. Diese Einspritzungen wirken günstig. Namentlich ist es erwiesen, daß sie die Wirkung der Übung auf unsere Muskeltätigkeit erhöhen. Bekanntlich erhöhen körperliche Übungen die Leistungsfähigkeit unserer Muskeln. Dies ist nun in viel höherem Grade der Fall, wenn Hodenauszug oder Samen eingespritzt werden; die Muskeln und der Muskelnerven ermüden dann viel weniger und erholen sich dann viel rascher.

Diese Experimente stehen auch im Einklang mit der uralten Erfahrung, daß höchste körperliche Leistungen nur bei vollständiger Enthaltung von jeder Art Befriedigung des Geschlechtstriebes erzielt werden können. Deshalb enthielten sich die Athleten bei den Griechen und Römern ebenso des Beischlafes, wie dies unsere heutigen Sportsleute tun, wenn sie sich auf ihre Wettkämpfe vorbereiten (trainieren). Und daß es sich auch mit den geistigen Leistungen ganz ähnlich verhält, lehren vielfache Erfahrungen von Gelehrten und Künstlern. Während der Zeit der Enthaltung wird sicherlich Samen aufgesaugt und gelangen seine Bestandteile ins Blut. Dies wirkt also - wie wir sehen -nicht schädlich, sondern günstig. Wir haben übrigens soeben erst davon gesprochen, wie die innere Sekretion der Geschlechtsdrüsen den Körper von Mann und Frau erst zur vollen Entwicklung bringt.

Man könnte nun allerdings denken, daß die Aussaugung von Samen nur dann nützlich ist, wenn sie eine gewisse Höhe nicht überschreitet, daß ein Zuviel davon aber schädlich werden könne. Diesem Einwände gegenüber muß darauf aufmerksam gemacht werden, daß die Natur durch die nächtlichen Pollutionen - die etwas ganz Normales sind, wenn sie nicht zu häufig stattfinden - schon vorgesorgt hat, daß keine übermäßigen Ansammlungen von Samenflüssigkeit stattfinden, ferner darauf, daß die Absonderung des Samens von selbst abnimmt, wenn der Geschlechtsapparat nicht benützt wird. Mit den Hoden verhält es sich in dieser Beziehung geradeso wie mit den anderen Organen. Wenn sie nicht benützt werden, erhalten sie weniger Blut zugeführt, und wenn sie weniger Blut erhalten, sinkt ihre Ernährung und ihre ganze Lebenstätigkeit. Also auch dadurch ist einem Schaden vorgebeugt.

Der Leser wird aber vielleicht sagen: "Es mag sein, daß der Samen keine schädliche Flüssigkeit ist, die entfernt werden muß; ich sehe ein, daß der Geschlechtstrieb keine Einrichtung zur Erhaltung des Individuums ist; aber was hilft es? Ist denn der Trieb nicht unüberwindlich? Und wenn er überwunden werden kann, erregt und erschöpft denn dieser beständige Kampf unser Nervensystem nicht in solcher Weise, daß dadurch die Gesundheit leidet ? Das wird doch auch von Ärzten gelehrt."

Davon, daß bei einem gefunden, normalen Manne das Verlangen nach Beischlaf unüberwindlich ist, so daß es befriedigt werden müßte, kann keine Rede sein. Es ist unleugbar, daß manchem geschlechtsreifen Manne der nicht befriedigte Trieb erhebliche Beunruhigungen schafft und daß es ihn zeitweise große Anstrengung kosten kann, ihn im Zaume zu halten. Bei den meisten Männern ist der Geschlechtstrieb aber gar nicht so stark, o.ls manchmal behauptet wird, und bei jedem Manne hängt die Stärke seiner Regungen in hohem Maße von seiner Lebensweise und von seinem ganzen Verhalten ab. Wenn wir unsere Vernunft und unseren Willen gebrauchen wollten, würde es der ungeheuren Mehrheit der gesunden Männer nicht allzu schwer werden, sich des geschlechtlichen Verkehrs zu enthalten und sich auch bei mangelnder geschlechtlicher Befriedigung von stärkerer Belästigung und Störung des Wohlbefindens frei zu halten. Um darüber klar zu werden, müssen wir zunächst genauer betrachten, wie die geschlechtliche Erregung zustande kommt.

Auch der leidenschaftlichste Mann ist nicht immer sexuell erregt. Die geschlechtliche Erregung tritt stets nur zeitweise, in der Regel nur auf äußere Anstöße hin ein und läßt von selbst nach einer gewissen Dauer wieder nach, wenn der äußere Anlaß zu wirken aufgehört hat. Von dem Zustande, in dem sich die Hoden befinden, namentlich von ihrer Blutfülle und der Füllung ihrer Ausführungsgänge mit Samen, hängt der Grad der Erregbarkeit ab, d. h. ab schwächere oder stärkere Einwirkungen erforderlich sind, damit die geschlechtliche Erregung wirklich eintritt.

Die Erregung kann zunächst durch örtliche Reizung der Empfindungsnerven veranlaßt werden. Von den Geschlechtsteilen, insbesondere vom Gliede, laufen Empfindungsnerven zum Rückenmarke. Werden sie, z. B. durch Berührung des Gliedes, erregt, so leiten sie diese Erregung zum Rückenmarke fort, wo sie unmittelbar auf Nerven übergeht, die wieder zum Gliede zurücklaufen, und zwar zu seinen Blutgefäßen. Die Erregung dieser Nerven hat zur Folge, daß den Schwellkörpern des Gliedes reichlicher Blut zugeführt wird, während gleichzeitig der Abfluß des Blutes aus ihnen erschwert wird. Das Blut häuft sich also im Gliede an; dieses schwillt an, richtet sich auf und wird steif. Dieser Vorgang der Erektion kann völlig unabhängig von unserem Bewußtsein verlaufen; kann ein reiner Reflexvorgang sein - wie wir zu sagen pflegen. Er kann auch ohne jede Wollustempfindung stattfinden, wie z. B. bei ganz jungen Knaben bei Harndrang. Bei älteren Knaben aber erwecken die Erregungen, die von den sensiblen Nerven der Geschlechtsteile zum Rückenmark und zum Gehirne weitergeleitet werden, oft schon lange vor dem Eintritte der Pubertät eigentümliche Lustgefühle; beim Geschlechtsreifen erweckt die Steifheit des Gliedes außerdem Bedürfnis nach Entspannung und Verlangen nach dem Weibe. So kommen z. B. wollüstige Träume zustande, wenn während des Schlafes infolge des Reizes, den der Druck der gefüllten Blase auf die Nachbarschaft ausübt, das Glied steif geworden ist (was am häufigsten gegen Morgen eintritt, daher die Bezeichnung "Morgensteifheit"). Wie durch den Druck der gefüllten Blase kann auch durch den Druck des gefüllten Mastdarmes auf seine Nachbarschaft, durch Druck und Reibung der äußeren Geschlechtsteile seitens der Kleidung oder der übereinandergeschlagenen Beine, durch Jucken infolge von Unreinlichkeit der Haut oder von Hautausschlägen, Erektion und durch diese wieder geschlechtliches Verlangen erregt werden.

Es ist ohne weiteres klar, daß man sehr vieles tun kann, um diesen Erregungen vorzubeugen. Man vermeide, abends viel zu trinken, man sorge für geregelten Stuhlgang, man trage weite Hosen und vermeide auch sonst jeden stärkeren Druck auf die Geschlechtsteile, wie durch übereinanderschlagen der Beine oder durch schwere Bettdecken und Überbetten; man vermeide jede überflüssige Berührung der Geschlechtsteile mit der Hand, man halte durch Waschungen und Bäder die Haut rein, sorge für frühzeitige ärztliche Behandlung von Hautausschlägen usw.

Ebenso wie örtliche Erregung wollüstige Vorstellungen hervorrufen kann, führen umgekehrt gewisse Vorstellungen zur Erregung der Geschlechtslust und zur Erektion. Wenn man derartige erregende Vorstellungen zu vermeiden sucht, kann man unendlich viel in der Beherrschung des Triebes erreichen. Aber nur allzu häufig geschieht das Gegenteil: der Geschlechtstrieb wird durch leichtfertige Gespräche, durch Lesen unzüchtiger Bücher, durch Anblick obszöner Bilder und Theatervorstellungen u. dgl. künstlich erweckt und gestachelt. Wenn der Geschlechtstrieb heute bei so vielen Knaben und unreifen Jünglingen frühzeitig zur Äußerung kommt, so ist dies nicht ein natürliches Erwachen, sondern sicherlich bei 90 von 100 die Folge von Verführung. Und dieselbe verruchte Afterkunst und Afterliteratur, die unsere Sinnlichkeit mit allen Mitteln unablässig reizt und stachelt, lehrt dann die angebliche Unüberwindlichkeit des Triebes!

Ebenso, wie wir in hohem Maße fähig sind, der geschlechtlichen Erregung vorzubeugen, sind wir auch imstande, die eingetretene Erregung zu bändigen. Wenn so viele junge Männer dem geschlechtlichen Verlangen ohne weiteres Folge leisten und es durch unehelichen Beischlaf befriedigen, so ist dies keineswegs ein Beweis dafür, daß sie ihm folgen müssen. Sie wollen nur nicht ernstlich sich beherrschen. Weichlichkeit, Neugierde und kindischer Ehrgeiz, es den anderen gleichzutun, Betäubung des Gewissens und der Urteilskraft durch Alkohol spielen dabei eine viel größere Rolle als der Trieb selbst. Die meisten wohlerzogenen jungen Leute machen ihren ersten Besuch bei Prostituierten und holen sich ihre venerischen Erkrankungen in "angeheitertem" Zustande, wenn sie nicht mehr fähig sind, die Folgen ihres Tuns klar zu überblicken.

Vom Gehirne gehen nicht allein Erregungen des Geschlechtsapparates aus, sondern auch Hemmungen des Reflexvorganges der Erektion. Diese Hemmungen kommen häufig von selbst, ganz unwillkürlich zustande. So ist z.B. bekannt, daß Schrecken, Schmerz und andere heftige Empfindungen, daß lebhaft auftauchende Vorstellungen überhaupt, welche die Aufmerksamkeit ablenken, ganz plötzliches Erlöschen des Verlangens und Erschlaffen des Gliedes herbeiführen können. Intensive geistige Beschäftigung pflegt die Erregungen, die von den Geschlechtsorganen ausgehen, von vornherein zu übertönen. Wir können nun auch willkürlich solche Vorstellungen erwecken, welche die Erregung hemmen, z. B. die Vorstellung von unseren Pflichten oder von den Gefahren, welche die Befriedigung des Triebes mit sich bringt.

Nicht allein auf dem Gebiete des Geschlechtslebens, sondern allen Einwirkungen der Außenwelt gegenüber ist nur derjenige Herr seiner selbft und daher frei, der die Hemmungseinrichtungen, die in seinem Gehirne vorhanden sind, zu gebrauchen gelernt hat; diese Fähigkeit kennzeichnet den Kulturmenschen. Der andere bleibt der Sklave des Augenblicks.

Wir stehen also keineswegs machtlos da. Die wichtigste Regel aber für den, der Selbstbeherrschung üben soll und üben will, ist die: Widerstehe dem Anfange! "Principis obsta!" Jn ihrem ersten Beginne ist die einzelne geschlechtliche Erregung meist so schwach, daß sie mit leichter Mühe unterdrückt werden kann. Versäumt man aber dies Stadium oder gibt man der Empfindung nach, dann schwillt sie lawinenartig an und erfordert schließlich eine gewaltige und peinliche Willensanstrengung zu ihrer Unterdrückung.

Daß aber die Gesundheit Schaden nimmt, wenn selbst heftigere derartige Kämpfe häufiger stattfinden, kommt bei Menschen mit einem von vornherein normalen und nicht geschwächten Nervensysteme wohl kaum vor. Jene krankhaften Erscheinungen, die man gerne der Enthaltsamkeit zuschreibt, sind nicht die Folge von dieser, sondern im Gegenteile in der Regel die Folge geschlechtlicher Ausschweifungen und Sünden. Es können aber auch nachweisbare Krankheiten des Geschlechtsapparates oder des Zentralnervensystems vorliegen. Es sind Fabeln, wenn behauptet wird, daß beim Manne Samenfluß oder schmerzhafte Entzündungen im Hoden und Nebenhoden, Samenaderbruch (Varikokele), Unfähigkeit zum Beischlaf (Impotenz), oder umgekehrt die sog. Satyriasis; beim Weibe weißer Fluß, Bleichsucht, Hysterie, Lageveränderungen und Geschwülste der Gebärmutter, die sog. Nymphomanie; bei beiden Geschlechtern Irrsinn, Neigung zum Selbstmord, zu Verbrechen aus der Nichtbefriedigung des Geschlechtstriebes durch den Beischlaf entständen.

Allerdings zeigt der Vergleich der Sterblichkeitsverhältnisse der Verheirateten und der Ledigen, daß die Mortalität der verheirateten Männer in allen Altern über 20 Jahre und die Mortalität der Ehefrauen, nachdem das Alter der größten Geburtenhäufigkeit überschritten ist, erheblich geringer ist als die der Ledigen. Aber diese geringere Sterblichkeit, ebenso wie die geringere Häufigkeit von Irrsinn, Selbstmord, Verbrechen unter ihnen kann schon deshalb nicht auf die Befriedigung des Geschlechtstriebes bei den Verheirateten bezogen werden, weil die Ledigen leider zum großen Teile durchaus nicht Personen sind, die den Trieb nicht durch Beischlaf befriedigen. Die geringere Sterblichkeit der Verheirateten beruht zum Teile darauf, daß beim Abschlusse der Ehe auch heute schon eine gewisse Auslese stattfindet und körperlich elende, kranke oder verkümmerte Individuen, Idioten, Irrsinnige, Blinde, Lahme usw., in der Regel nicht geehelicht werden. Hauptsächlich aber beruht sie darauf, daß die Verheirateten in der Regel ein geordneteres Leben führen, weniger Alkoholmißbrauch treiben und viel weniger der Gefahr der Geschlechtskrankheiten ausgesetzt sind. Wie gering die Rolle ist, welche die Befriedigung des Geschlechtstriebes durch den Beischlaf dabei spielt, geht daraus hervor, daß Mönche und Nonnen trotz der Ungunst mancher ihrer Lebensbedingungen im allgemeinen keine wesentlich höhere Sterblichkeit aufzuweisen haben als ihre Altersgenossen unter den Laien.

Leichtere Störungen und Unbehaglichkeiten, wie unruhiger Schlaf infolge von Erektionen, häufigere Pollutionen, Kopfschmerzen und eine gewisse nervöse Aufregung infolge von Blutfülle, lassen sich durch die früher besprochenen Maßregeln, ferner durch Enthaltung von alkoholischen Getränken und stark gewürzten Speisen, kühles, nicht zu weiches Bett, kalte Waschungen und Bäder, ferner insbesondere durch intensive Pflege von körperlichen Übungen bis zu deutlicher Ermüdung in der Regel leicht vermeiden oder beseitigen. Je beharrlicher alles vermieden wird, was den Geschlechtstrieb erregen könnte, um so leichter fällt im allgemeinen die Enthaltsamkeit, da - wie wir schon besprochen haben - die Hoden bei Nichtgebrauch des Geschlechtsapparates ihre Tätigkeit einschränken.



Achtung!
Dieses Buch ist ein altes Fachbuch, der Inhalt entspricht nicht dem aktuellen Stand der Medizin. Angegebene Therapien entsprechen höchstens dem Stand der Medizin zum angegebenen Druckdatum. Dasselbe gilt für eine ggf. angegebene Rezeptur für ein Medikament. Diese entsprechen nicht dem heutigen Stand der Medizin und sind unter Umständen sogar körperlich schädigend. Die Zubereitung von Rezepturen und die Anwendung derselben gehört in die Hände erfahrener Ärzte und Apotheker.
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20. 5. 1983
Die Arbeitsgruppen um den Franzosen Luc Montagnier und den Amerikaner Robert Gallo berichten in der Fachzeitschrift Science erstmals über die Isolierung des HI-Virus.

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