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Lehrbuch der Gynäkologie

Otto Küstner, 4.Auflage 1910

 

VIII. ABSCHNITT.
Allgemeine Therapie.

Kapitel XXVIII.
Antiseptik, Aseptik.
Von Ernst Bumm.


Aseptik und Antiseptik in der Gynäkologie


Antiseptik und Aseptik verfolgen mit verschiedenen Mitteln den gleichen Zweck: die Wunden vor Bakterien zu schützen, welche den Heilungsverlauf stören könnten. Die LISTERSche Antiseptik suchte die Keime durch die Anwendung chemisch wirkender, "desinfizierender" Mittel abzutöten und scheute nicht davor zurück, auch frische Wunden mit keimtötenden Desinfizientien in Berührung zu bringen. Da die Gewebszelle des menschlichen und tierischen Organismus gegen chemische Einwirkungen viel empfindlicher ist als der Bakterienleib, so mußte mit der Desinfektion der Wunde zugleich auch eine weitgreifende Zerstörung von Gewebszellen erfolgen, welche unter Umständen die Heilung ungünstig beeinflussen konnte. Diese unerwünschte Schädigung der Gewebe will die "Aseptik" vermeiden. Sie sieht von jeder Berührung frischer Wunden mit chemisch wirkenden Desinfektionsmitteln ab und sucht den keimfreien Zustand der Wunde dadurch zu erreichen, daß sie den Zutritt von Keimen zur Wunde unmöglich macht. Das Beispiel irgendeiner Amputationswunde wird Ihnen den Unterschied verdeutlichen: Die LISTERsche Antiseptik schrieb vor, die frische Wunde mit dem Karbolspray zu berieseln, mit Karbollösung abzuspülen und mit Karbolgaze zu verbinden. Unter der Einwirkung der Karbolsäure bedeckte sich die rote Wundfläche mit einem weißlichen Aetzschorf. Die Aseptik nimmt höchstens Spülungen der Wunde mit indifferenter physiologischer Kochsalzlösung vor und benützt keimfreie Verbandsstoffe ohne Zusatz desinfizierender Substanzen. Während also die Antiseptik die supponierten Keime in der Wunde abtötet, die Wunde desinfiziert, hält die Aseptik frische Wunden für keimfrei, ihre Desinfektion für unnötig und schädlich und beschränkt sich darauf, die "Asepsis" der Wunde aufrecht zu erhalten, indem sie nichts Septisches herankommen läßt. Die Wirkung chemischer Desinfizientien ersetzt die Aseptik durch die viel sicherere "Sterilisation" vermittelst der Hitze oder des Dampfes.

Reine oder "absolute" Aseptik ist praktisch nur schwer und, wenn man jede Vermeidung chemischer Desinfizientien als Attribut der Aseptik ansieht, überhaupt nicht durchführbar. Wir können desinfizierende Lösungen nicht vermissen, wenn wir die Haut der Hände und des Operationsgebietes keimfrei machen wollen. So hat sich heute ein gemischtes Verfahren ausgebildet, welches die Anwendung von desinfizierenden Mitteln auf frische Wunden ausschließt, soweit als möglich die Keimfreiheit durch Sterilisation vermittelst der Hitze erzielt, für die Haut aber die chemischen Desinfizientien beibehält. Aseptik erfordert vollkommene Einrichtungen und peinliche Vorbereitungen, wie sie meist in den Kliniken, aber nicht immer in der allgemeinen Praxis zu erreichen sind. Je ungünstiger die äußeren Verhältnisse, desto reichlicher wird man von den leicht zu beschaffenden und zu handhabenden chemischen Desinfizientien Gebrauch machen. Es wäre verkehrt, aus Furcht vor der chemischen Schädigung der Gewebe es zu der viel gefährlicheren Infektion kommen zu lassen, und es ist selbstverständlich, daß bei infizierten, keimhaltigen Wunden unter allen Umständen die Antiseptik den Vorzug vor der Aseptik verdient.

1. Desinfektion der Hände und des Operationsgebietes.

Das schwierigste Objekt unserer Desinfektionsbestrebungen bildet die Haut. Da hier die Sterilisation durch Hitze nicht anwendbar ist, sind wir auf die Wirkung mechanischer Reinigungsmethoden und keimtötender oder fixierender chemischer Substanzen angewiesen. Man braucht nur die menschliche Haut bei schwacher Vergrößerung unter dem Mikroskop zu betrachten, um sofort einzusehen, daß der Vernichtung aller Keime, welche in den Rillen und Rissen der Epidermis, unter den übereinandergehäuften, einem Gletscherfeld gleichenden Epidermisschollen, in den Ausführungsgängen der Hautdrüsen und Haarbälge verborgen sind, die größten Hindernisse entgegenstehen. Tatsächlich gibt es auch bis heute kein Mittel, welches eine völlig sichere Keimfreiheit der Haut herzustellen imstande wäre. Alle unsere Desinfektionsmethoden erreichen nur einen relativen Grad von Keimfreiheit resp. Keimarmut der Haut, der sich je nach der Art und Dauer der angewandten Mittel und der Beschaffenheit der Haut mehr oder weniger der Vollkommenheit nähert. Je zarter und glatter die Haut, desto leichter ist sie zu desinfizieren. Umgekehrt wachsen die Schwierigkeiten ganz beträchtlich dort, wo die Haut (wie an den Nägeln) tiefe Rinnen und Einfalzungen besitzt, wo sie zahlreiche Drüsen und Haarbälge trägt oder mit einer schuppigen, rauhen Epidermis bekleidet ist. Eine ekzematöse Haut ist überhaupt nicht zu desinfizieren. Das gleiche gilt von Hautwunden jeder Art, selbst wenn es nur tiefere Risse der Epidermis sind.

Die Einwirkung der desinfizierenden Mittel trifft in erster Linie und hauptsächlich die obersten Schichten der Haut; so kann z. B. die Hand bei der Prüfung auf Keime zu Beginn der Operation keimfrei erscheinen. Werden dann durch die Bewegungen der Hand und die Abschilferung der Epidermis während der Operation tiefere Schichten bloßgelegt und die Ausführungsgänge der Drüsen entleert, so treten die dort verborgenen Keime an die Oberfläche, und die scheinbar keimfreie Hand weist zahlreiche lebensfähige Bakterien auf.
Für die Desinfektion der Hände ist nach der umfassenden Statistik von C. Brunner die FÜRBRiNGERsche Methode immer noch bei den meisten Chirurgen im Gebrauch. Nachdem die Nägel kurz geschnitten sind, werden die Hände 10 Minuten lang mit heißem Wasser, Seife und Bürste (oder feinem Sand) bearbeitet, und dabei wird der Unternagelraum sämtlicher Finger mit dem Nagelreiniger ausgeschabt. Diese mechanische Reinigungsprozedur dient dazu, allen groben Schmutz und die obersten Epidermislagen zu entfernen, die Epidermis zu entfetten und aufzulockern. Nachdem die Hände mit reinem, fließendem Wasser abgespült sind, werden sie mit einem sterilen rauhen Handtuch energisch trocken gerieben.

Fig. 334. Gummioperationshandschuhe, bei a richtig in trockenem Zustande, bei b falsch in nassem Zustande angezogen.

Nunmehr folgt während 5 Minuten eine ergiebige Waschung und Bürstung der Hände in 70—80-proz. Alkohol. Der Alkohol wirkt entfettend und direkt keimtötend, er besitzt die besonders erwünschte Eigenschaft, in die tieferen Partien der Epidermis und in die Drüsenöffnungen einzudringen, wovon man sich leicht überzeugen kann, wenn man kleine Wunden an den Fingern hat. Sie schmerzen sofort, wenn man die Finger in den Alkohol bringt. Ferner wirkt der Alkohol gerbend und härtend auf die obersten Hautschichten, wodurch die Bakterien in der Haut fixiert und bei Berührungen weniger leicht abgegeben werden. Alle neueren Untersuchungen machen es wahrscheinlich, daß aas, was wir als Desinfektion der Haut ansehen, im wesentlichen nur eine zeitweise Fixation der Keime in der Haut durch die ätzende und härtende Wirkung der Karbolsäure, des Sublimates und insbesondere des Alkohols darstellt.
Die Behandlung mit Alkohol ist ein wesentliches Erfordernis der Hautdesinfektion und übertrifft in der Schnelligkeit und Sicherheit der Wirkung alle anderen bis jetzt bekannten Mittel. Direkt vom Alkohol werden die Hände in 1 °/00 warme Sublimatlösung gebracht und darin nochmals 5 Minuten mit der Bürste bearbeitet. Von Ahlfeld ist an die Stelle der Alkohol-Sublimatdesinfektion die Desinfektion durch Heißwasser-Alkohol gesetzt worden, wobei nach gründlicher Reinigung mit heißem Wasser und Seife zur Sterilisation nur Alkohol in reichlicher Menge verwendet wird. Die Methode gibt ebenfalls gute Resultate und vermeidet das Sublimat, das bei fortdauernder Anwendung dem Operateur durch Darm- und Nierenreizung gefährlich werden kann. Vielfach wird der Alkohol ohne vorherige Waschung mit gutem Erfolg besonders da, wo es sich um Schnelldesinfektion handelt, angewandt, v. Herff empfieht die Verwendung eines Gemisches von Alkohol mit Aceton, welches sich durch seine stark härtende und fixierende Wirkung auf die Haut auszeichnet.

Wenn die genannten Methoden eine ausreichende Desinfektion erzielen sollen, müssen die Hände wohlgepflegt und ohne Verletzungen sein, und dürfen ferner intensive Beschmutzungen der Hände mit septischen Stoffen nicht vorausgegangen sein. Sind diese Bedingungen nicht erfüllt, bestehen also wunde Stellen an der Haut der Hände oder ist der Arzt zweimal 24 Stunden vor der Desinfektion mit infektiösen Stoffen (Eiter und Wundsekrete jeder Art, Leichenteile usw.) in Berührung gekommen, so gibt weder die FÜRBRINGERsche noch irgendeine andere Desinfektionsmethode sichere Gewähr gegen die Uebertragung septischer Keime, und ist es deshalb geboten, den Kontakt der Haut der Hände mit der Wunde durch die Anwendung von Gummihandschuhen zu vermeiden.
Die von Friedrich angegebenen papierdünnen Gummi-(Kondom-) handschuhe lassen sich, zwischen einer Lage Gaze verpackt, in Dampf sterilisieren und unter geeignetem Abschluß keimfrei für den Gebrauch aufbewahren. Hat man vor der Sterilisation das Innere mit Talk (Schlupfpulver) eingepudert, so können die Handschuhe über die desinfizierte und dann trocken geriebene Haut leicht wie Glacehandschuhe angezogen werden, sie schmiegen sich der Haut allseitig aufs engste an und behindern weder das Tastgefühl noch die feineren Bewegungen in merklicher Weise. Gummihandschuhe sind ohne Zweifel das sicherste Mittel, um die Uebertragung der Sepsis durch die Hände des Arztes zu verhindern.

2. Die Desinfektion der Haut des Operationsgebietes.

Während die Desinfektion der glatten und zarten Bauchhaut in der Regel relativ günstige Resultate ergibt, sind die behaarten, mit vielen Falten und Drüsen ausgestatteten und mit Hautfett reichlich überzogenen Teile der äußeren Genitalien einer ausgiebigen Wirkung der Desinfizientien viel weniger leicht zugänglich. In einer Sitzung, d. h. mit einer einmaligen, wenn auch energischen Desinfektion hier einen hinreichenden Grad von Keimfreiheit zu erzielen, ist überhaupt unmöglich. Dazu bedarf es einer längeren, vorbereitenden Behandlung. Schon einige Tage vor dem beabsichtigten Eingriff werden die Pubes rasiert, die Kranke nimmt täglich ein Bad, wobei die äußeren Genitalien jedesmal einer gründlichen mechanischen Reinigung mit Seife und weicher Bürste unterzogen werden. Am Tage vor der Operation werden Umschläge mit Alkohol- oder Sublimatkompressen gemacht und dann direkt vor dem Eingriff nochmals eine Desinfektion mit Seife, Alkohol und Sublimatlösung in der für die Hände angegebenen Weise ausgeführt.

Neuerdings hat man auch die vorher gründlich entfettete Haut mit sterilen Kautschuklösungen (Gaudauin) überzogen und so die Abgabe von Keimen in die Wunden zu verhindern gesucht. Ein solcher Ueberzug empfiehlt sich besonders für die schwer zu reinigenden Hautpartien in der Umgebung der Genitalien und des Rectums. Ferner erfreut sich die von Grossich angegebene Schnelldesinfektion mit Jodtinktur einer zunehmenden Beliebtheit, da sie sehr rasch und einfach in der Anwendung und zugleich ziemlich sicher in der Wirkung ist. Die Haut wird dabei ohne vorherige Seifenwaschung einfach mit Jodtinktur bestrichen, wobei sich eine dünne Aetzschicht bildet, die einen zeitweisen Abschluß der Keime herbeigeführt. Als Desinficiens nach der gewöhnlichen Seifenwaschung ist übrigens die Jodtinktur schon lange von einzelnen Chirurgen für die Haut der Hände und des Operationsgebietes angewandt worden. Zur Desinfektion der Vagina, der Portio vaginalis und des Cervixkanals muß, bei voller Entfaltung der Teile durch eingeführte Spekula, eine gründliche Ausreibung mit Sublimatlösung vorausgeschickt werden, es folgen dann 2mal täglich Spülungen mit 1 Promille Sublimatlösung, und vor der Operation wird nochmals unter Bloßlegung mit dem Spiegel jede Falte der Vagina ebenso wie die Höhle des Cervixkanals mittels geeigneter Watte- oder Gazetupfer zuerst mit Schmierseife, dann mit Alkohol und endlich mit Sublimatlösung abgerieben. Auch dafür kann durch Eingießen von Jodtinktur ein einfacher Ersatz geschaffen werden. Bei dieser Gelegenheit werden auch wunde Stellen oder Geschwüre an der Portio mit dem Thermokauter verschorft, jauchende Gewebspartien sollen schon tags vorher mit Schere und scharfem Löffel entfernt und bis auf die Unterfläche abgeglüht werden.

Die Nachbarschaft der Harnröhrenmündung und des Afters macht es unmöglich, die Genitalien für längere Zeit durch einen Dauerverband in aseptischem Zustande zu erhalten. Während der Operation schützt man sich vor Verunreinigung mit Urin durch die vorausgeschickte Entleerung der Blase mit dem Katheter, vor Verunreinigungen vom Darm durch einen ins Rectum eingelegten Tampon und eine vor die Analöffnung gespannte, mit Klemmen an der Haut befestigte Sublimatkompresse. Im übrigen müssen infektiöse Blasenkatarrhe vor der Operation geheilt werden, wenn man nicht schwere Infektionen der Genitalwunden gewärtigen will, Stuhlentleerungen während des Eingriffes sollen durch vorherige gründliche Darmentleerung vermieden werden. In den ersten Tagen nach Operationen wird man durch wiederholte Abspülungen mit Sublimatlösung, die besonders auch nach jeder Urin- und Stuhlentleerung vorzunehmen sind, die äußeren Genitalien möglichst reinzuhalten suchen; vorgelegte Gaze- und Wattestücke werden dabei durch frische ersetzt. Die Oberfläche der Wunde wird mit Vioform-, oder Dermatolpulver bedeckt. Scheidentampons müssen nach 3—4 Tagen entfernt werden, da trotz des Zusatzes von Vioform oder anderer Antiseptika das in ihnen enthaltene Wundsekret schon um diese Zeit deutliche Spuren der Zersetzung darzubieten pflegt. Die Anwendung von Jodoform, welche die Kranken selbst und ihre Umgebung durch den intensiven Geruch des Mittels belästigt, ist glücklicherweise mehr und mehr außer Gebrauch gekommen, das geruchlose Vioform bietet dafür einen vollkommenen Ersatz.

Eine Desinfektion infizierter Gewebe ist mit unseren heutigen Mitteln nicht zu erreichen, alles Spülen, Kratzen, Verschorfen mit dem Thermokauter usw. genügt nicht, um die einmal in den Geweben eingenisteten Keime, wie wir sie z.B. bei verjauchenden Myomen oder Carcinomen, bei eiterigen Entzündungen usw. vorfinden, zu zerstören. Besteht auch nur der Verdacht, daß septische Keime gegenwärtig sind, dann soll die Wunde tamponiert und offen behandelt werden, auch am Peritoneum muß durch Tamponade und Drainage für eine Ableitung nach außen gesorgt werden, wenn man den Eintritt der septischen Operationsperitonitis vermeiden will.

3. Die Sterilisation der Instrumente.

10 Minuten langes Kochen bei bedecktem Kochgefäß genügt, um Instrumente keimfrei zu machen. Das Beschlagen des Nickelüberzuges der Instrumente wird dadurch vermieden, daß man zum Kochen destilliertes oder Regenwasser mit Zusatz von 1 Proz. Soda verwendet. Messer verlieren durch Kochen ihre Schärfe und werden deshalb besser durch Einlegen in 3-proz. Karbolsäurelösung desinfiziert. Zum Kochen ist jedes Gefäß geeignet, in welchem die Instrumente vollständig vom Wasser bedeckt liegen können; sehr bequem ist der bekannte Kochapparat von Lautenschläger ; bei demselben können die Instrumente mittels besonderer Drahtkörbe eingesetzt und nach dem Kochen wieder herausgenommen werden.

Während der Operation liegen die Instrumente in 2-proz. Karbolsäurelösung. Hierdurch werden die Keime, welche zufällig beim Operieren an die Instrumente gelangen, unschädlich gemacht. Operiert man mit trockenen Instrumenten oder legt man sie in sterile Kochsalzlösung, so findet man in dieser resp. an den Instrumenten zum Schlüsse der Operation in der Regel zahlreiche Keime, welche teils aus den tieferen Schichten der Haut der Hände und des Operationsgebietes, teils aus dem Staube der Luft stammen.
In Rücksicht auf die möglichst leichte Sterilisation muß man verlangen, daß die Instrumente ganz aus Metall sind, möglichst glatte Oberflächen und keine Höhlen, Löcher, Gelenke usw. haben, welche der Eeinigung schwer zugänglich sind und den freien Zutritt des kochenden Wassers verhindern.

4. Die Sterilisation des Verband- und Nahtmaterials.

Verbandstücke jeder Art, also Gazekompressen, Tupfer, Binden, werden ebenso wie Handtücher, Operationsröcke, Handschuhe, Bürsten usw. am sichersten durch den gespannten strömenden Dampf sterilisiert. Bei dem Drucke von 1 Atmosphäre (115° C) bedarf es der Dampfeinwirkung von ca. 1/2 Stunde, um eine völlige Keimfreiheit auch größerer Objekte (gefüllter Verbandkessel oder Körbe) zu er zielen. Alles Material muß frisch sterilisiert, direkt aus dem Dampfapparat verwendet werden und bietet bei längerer Aufbewahrung keine Sicherheit mehr gegen Verunreinigung. Dasselbe gilt von den "sterilen" Verbandstoffen, welche aus Fabriken oder Apotheken bezogen werden.

Ist die Sterilisation der Verbandstücke durch Dampf nicht möglich, so können dieselben auch durch 1/2-stündiges Kochen keimfrei gemacht und nach der Abkühlung feucht verwendet werden. Ein Notbehelf ist das Eintauchen der Tücher und Kompressen in Karboloder Sublimatlösung, welche jedoch erst nach einer gewissen Zeit (1/4-1/2 Stunde) ihre Wirkung zu entfalten beginnt.

Von den gebräuchlichen Nahtmaterialien lassen sich Seide und Silkworm, nachdem sie in Aether und Alkohol entfettet sind, durch 1/4-stündiges Kochen in 1 °/00 Sublimatlösung leicht und sicher sterilisieren. Kochen in reinem Wasser genügt zur Sterilisierung ebenfalls, der Zusatz von Sublimat hat jedoch den Vorteil, daß sich in den Seiden- resp. Silkwormfäden eine Sublimateiweißverbindung bildet, welche am Faden festhaftet (Hägler) und das Aufkeimen der Bakterien verhindert, wenn solche beim Schnüren der Knoten zufällig an den Faden und mit diesem in die Wunden gekommen sind. Gerade die Fadenschlingen bieten als Fremdkörper den Keimen einen gewissen Schutz vor den abtötenden Einflüssen der Zellen und Säfte des Organismus. Infektionen gehen deshalb häufig von Ligaturschlingen und Nähten aus.

Für die Sterilisation des Catgut, welches sich nicht in Wasser kochen läßt, empfiehlt sich als einfachstes Verfahren die Einlegung und Aufbewahrung in Sublimatalkohol nach v. Bergmann (1 Sublimat, 20 Wasser, 80 Alkohol absolutus). Auf diese Weise werden die Fäden zugleich mit Sublimat imprägniert und erhalten so antiseptische Eigenschaften. Vollkommen keimfreies, dabei trockenes und auch sehr widerstandsfähiges Catgut erhält man durch das von Krönig angegebene Sterilisationsverfahren mit Kumol oder durch die Verarbeitung mit Jodtinktur (Jodcatgut). Diese Catgutsorten können jetzt in vorzüglicher Beschaffenheit aus verschiedenen Fabriken aseptisch verpackt bezogen werden.

5. Schutz vor Staub- (Luft-)Infektion.

Gegenüber der Kontaktinfektion, bei welcher die Bakterien in die Wunde durch ungenügend sterilisierte Hände, Instrumente, Tupfer, Fäden usw. direkt eingeimpft werden, ist die Luft- oder Staubinfektion von weniger großer Bedeutung, weil die im Staube enthaltenen Keime gewöhnlich keine größere Virulenz besitzen. Daß die Bakterien des Staubes aber z. B. in verseuchten Spitälern, wo Wundsekrete massenhaft eintrocknen und dem Staube beigemischt werden, sehr virulent werden und tödliche Wundinfektionen herbeiführen können, ist zweifellos.

Der von Lister zum Schutze gegen die Luftinfektion eingeführte Karbolspray ist längst wieder aufgegeben worden, weil durch die kurze Berührung der Staubpartikel mit dem Karbolnebel eine Abtötung der Keime nicht erzielt wird und diese mit dem Dampfstrahl direkt der Wunde zugeführt werden. Man schützt sich vor der Luftinfektion durch Operieren in möglichst staubfreien, mit glatten Wänden versehenen Bäumen, der Fußboden ist angefeuchtet, damit kein Staub aufgewirbelt werden kann. Das Abfallen von Epidermisschuppen und Staubpartikeln aus den Kopf- und Barthaaren des Operateurs und der Assistenten wird durch feuchte Mützen und Bartbinden verhindert, die Verunreinigung der Wunden durch die stets keimhaltigen Speichelpartikel, welche bei lautem Sprechen aus dem Munde fortgeschleudert werden, vermeidet man durch Schweigen während der Operation oder durch Mundbinden. Endlich werden die frischen Wunden, das bloßgelegte Peritoneum, die Därme usw., stets nach Möglichkeit mit sterilen Kompressen bedeckt gehalten, nur der Teil der Wunde bleibt offen, an welchem der Operateur gerade zu tun hat. Auch die Umgebung der Wunde wird mit sterilen, in Sublimatlösung getauchten Tüchern bedeckt. Man hindert auf diese Weise jede Berührung der Hände, Instrumente, Fadenschlingen etc. mit der Haut, deren Desinfektion niemals als absolut sicher angesehen werden kann, und man desinfiziert zugleich die aus der Luft niederfallenden Staubteilchen, deren anhaftende Bakterien durch den Kontakt mit der Sublimatlösung abgetötet werden. In Fig. 335 ist die Anwendung des aseptischen Apparates zum Schutze der Kontakt- und Staubinfektion bei einer vaginalen Operation wiedergegeben. Operateur und Assistenten tragen sterilisierte Mützen, Mund- und Bartbinden; die sterilisierten Operationsröcke haben lange Aermel, die über die Gummihandschuhe zusammengebunden werden, so daß also niemals eine direkte Berührung der Haut der Aerzte mit der Wunde stattfindet. Das Operationsfeld ist überall von nassen Sublimatkompressen umgeben.


Fig.335. Antiseptischer Apparat zum Schutze vor Kontakt- und Staubinfektion bei einer vaginalen Operation.

Trotz all' der genannten Schutz- und Desinfektionsmittel gelingt es bis heute nicht, operative Eingriffe vollkommen keimfrei durchzuführen. Wenn man nach dem ersten Schnitt, während der Operation und am Ende derselben die Wunden oder das Peritoneum mit einem Gazetupfer abreibt und mit diesem auf guten Nährsubstraten Kulturversuche anstellt, so sieht man in der Kegel in den Kulturgläsern Keime aufgehen. Diese durch die Tupferprobe gefundenen Keime stammen wohl zum größten Teil aus der Haut des Operationsgebietes, zum Teil wohl auch aus dem Staub der Luft und werden, da es sich nicht um virulente Formen handelt, bei normalen Wundverhältnissen durch den Organismus rasch abgetötet und unschädlich gemacht. Sie können aber zur Wirkung kommen, wenn sich in der Wunde durch Nachsickern von Blut oder Sekretansammlung ein günstiger Nährboden für ihre Entwicklung bildet.



Achtung!
Dieses Buch ist ein altes Fachbuch, der Inhalt entspricht nicht dem aktuellen Stand der Medizin. Angegebene Therapien entsprechen höchstens dem Stand der Medizin zum angegebenen Druckdatum. Dasselbe gilt für eine ggf. angegebene Rezeptur für ein Medikament. Diese entsprechen nicht dem heutigen Stand der Medizin und sind unter Umständen sogar körperlich schädigend. Die Zubereitung von Rezepturen und die Anwendung derselben gehört in die Hände erfahrener Ärzte und Apotheker.
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23. 3. 1888
Erich Stange wurde geboren. Als evangelischer Pfarrer gilt er als Mitbegründer der Telefonseelsorge.

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