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Neue Heilwissenschaft

Louis Kuhne, Leipzig 1896

 

Behandlung und Heilung von Wunden ohne Medikamente und ohne Operationen.
Von Louis Kuhne.

Seite: 1/8[ Behandlung von Wunden | Wunden | Quetschungen | Brandwunden | Schusswunden | Knochenbrüche | Offene Wunden | Wunden durch Tiere ]Weiter (Wunden)

Behandlung und Heilung von Wunden ohne Medikamente und ohne Operationen.


Nur schwer lässt sich das festeingewurzelte Vorurteil überwinden, dass die Wundbehandlung einzig und allein nach den von der Chirurgie aufgestellten Grundsätzen zu erfolgen habe und daher bei Verletzungen, seien sie innerer oder äusserer Art, und bei Verwundungen auch nur die chirurgische und antiseptische Behandlung Aussicht auf Heilung gewähre. Wie falsch solche Ansichten sind, lehren die glänzenden Resultate meiner Heilmethode. Gerade hier bewährt sich die Wasserheilkunde mit überzeugender Kraft, und nichts ist geeigneter, für die Behandlung der Wunden durch Wasser und auf naturgemässe Weise Propaganda zu machen, als mein Verfahren.

Unter Anwendung desselben lassen sich, ganz abgesehen von seiner Schmerzlosigkeit, fast alle Verletzungen gedachter Art in kaum dem dritten Teile der Zeit heilen, als dies bei medizinischer, sogenannter antiseptischer Behandlung möglich ist. Ich kann diese Behauptung auf eine ganze Reihe von Erfolgen an Patienten, auf eine grosse Anzahl von praktischen Versuchen stützen. Sie weisen nicht einen einzigen Fall des Misserfolges auf und lassen dabei das Zurückbleiben der durch die chirurgischen Eingriffe hervorgerufenen entstellenden Narben vermeiden.

Wer eine Verletzung durch Schnitt oder Stich, durch eine Quetschung, durch Verbrennen oder durch Erfrieren u. s. w. erhalten hat, wird sofort bemerken, dass der Körper diese Verletzung auszugleichen oder zu heilen bestrebt ist. An der betreffenden Stelle findet dann schon durch den erhöhten Reiz, der durch jene Verwundung auf die entsprechenden Nerven ausgeübt wird, eine vermehrte Zufuhr von Blut und anderen Ersatzstoffen statt. Schliesslich entsteht eine erhöhte Wärme und Anschwellung an der betreffenden Stelle, bedingt durch die Reibung der Zufuhrstoffe aneinander, ein Vorgang, der namentlich bei Brandwunden und Quetschungen mit Schmerzen verbunden zu sein pflegt.

Kommt man dem Vorhaben des Körpers, diesen Schaden wieder gut zu machen, in der geeignetsten Weise zu Hilfe, unterstützt man dasselbe in der richtigen Art, so wird dadurch eine ausserordentlich rasche und zugleich schmerzlose Heilung herbeigeführt.

Jene obenerwähnten Schmerzen pflegen sich erst dann einzustellen, wenn der Körper das Heilgeschäft beginnt. Sie sind nichts anderes, als ein lokales Wundfieber, ein lokaler Fieberzustand. Festhaltend an dieser Thatsache, dass wir es gleichwie bei anderen Krankheiten auch bei Wunden mit Fieberzuständen, wenn auch in anderer Form, zu thun haben, wird es uns ein leichtes sein, den Weg zu ihrer Heilung zu finden.

Wie wir schon früher kennen gelernt haben, muss der Beseitigung des Fiebers die erste Aufmerksamkeit gewidmet werden. Es erscheint dieses Bestreben besonders dann recht schnell erwünscht, wenn grössere Verletzungen vorliegen, damit nämlich das lokale Fieber nicht in ein allgemeines übergeht.

Die Schmerzen werden sofort beseitigt sein, wenn wir das Fieber im Zaume zu halten vermögen. Gerade bei Wunden kann man deutlich beobachten, wie jedes Fieber nichts weiter als ein Heilbestreben, ein Ausgleichsbestreben des Körpers ist. Die Erscheinung, dass nicht selten der ganze Körper von dem Wundfieber in Mitleidenschaft gezogen wird, dass Wunden dabei verhältnismässig langsam heilen, kommt leider in der Gegenwart gar zu oft vor. Dafür ist eine tiefere Ursache vorhanden. Ich behaupte nämlich, dass in solchen Fällen bereits lange vor der Verletzung im Körper eine starke Belastung mit Fremdstoffen, also ein schon lange vorhanden gewesener, latenter Fieber(Krankheits-)zustand vorhanden gewesen sein muss. Selbstverständlich beschleunigt eine solche ungünstige Körperdisposition das Umsichgreifen des Fiebers ungemein und leistet einer intensiven Gärung der im Körper befindlichen Fremdstoffe einen ganz bedeutenden Vorschub. Bei einem völlig gesunden Organismus heilen selbst die schwersten Verletzungen in erstaunlich kurzer Zeit; der Organismus besitzt eben die eigene Kraft, die ihn belästigenden Fremdstoffe selbst zu beseitigen. Aber giebt es heute noch wirklich gesunde Menschen? Verschwindend wenig, denn mögen auch viele für vollkommen gesund gelten, unsere Gesichtsausdruckskunde belehrt uns eines anderen.

Ich habe oft beobachtet, dass bei Tieren, wenn sie sich völlig selbst überlassen waren, ohne Zuthun, ohne Mithilfe von irgend einer anderen Seite, entstandene Wunden oft in unglaublich kurzer Zeit selbst heilten. Bei dem Studium dieser an sich ganz natürlichen und selbstverständlichen Erscheinung ist mir immer der enorme Unterschied aufgefallen, der zwischen diesen Heilungen und jenen bei den Menschen obwaltete. Gerade dieser Umstand hat in mir den Trieb zum Nachdenken, zum Erforschen der Geheimnisse der Natur ausserordentlich erweckt. War ich doch vorerst auch der Ansicht, die armen Tiere hätten es in Verletzungsfällen doch weit schlimmer als wir Menschen, die wir über alle Heilmittel der Wissenschaft und über menschenfreundliche Pflege in ausgedehntestem Maasse verfügen. Wie mir die Erfahrung so oft gelehrt hat, tritt eine Heilung bei den Tieren stets viel schneller ein, als bei den in Kliniken und Spitälern hegenden Menschen. Alle diese Beobachtungen führten mich gleichzeitig zu dem sicheren Schluss, dass bei jenen Erscheinungen kein Zufall obwalten könnte. Sie sind auf festen Gesetzen begründet. An einigen Beispielen möge das Gesagte erläutert werden.

Eine Katze hatte sich in einem Fangeisen gefangen. Letzteres hatte dem Tiere das rechte Hinterbein 3 cm über dem Sprunggelenk, gerade da, wo das dicke Fleisch anfing, zerschlagen. In dem Bemühen, aus der Falle zu kommen, hatte jene Katze das Eisen mit herumgezerrt, das zerbrochene Hinterbein mit Staub und Spreu bedeckt und mehrere Male dabei herumgedreht. Als die Katze aus der Falle befreit wurde, suchte sie das Weite, das gebrochene Bein in die Luft über den Rücken haltend. Sie blieb die nächsten Tage verschwunden, und man glaubte schon, sie wäre gestorben.

Es mochte eine Woche vergangen sein, als zufällig bekannt wurde, dass auf einem in der Nähe befindlichen Heuschuppen eine kranke Katze angetroffen worden sei. Wie sich herausstellte, war jene Katze genau dieselbe, die vor etwa 8 Tagen in dem Fangeisen das Bein gebrochen hatte. Zum nicht geringen Erstaunen war mittlerweile das Hinterbein völlig normal zusammengeheilt, wies aber an der Bruchstelle noch eine stärkere Anschwellung auf. Sichtbar hatte die Katze eine Woche lang nichts gefressen, war sie doch ausserordentlich abgemagert. Es wurden ihr die ausgesuchtesten Bissen und Wasser angeboten, beides verweigerte sie aber hartnäckig. Das verwundete Bein hielt die Katze lang ausgestreckt, sorgsam bemüht, es stets in derselben Lage zu belassen, gleichzeitig die wunde Stelle von allen Seiten mit ganz besonderer Geschicklichkeit beleckend. Augenscheinlich linderte das Lecken, mit einem unermüdlichen Eifer fortgesetzt, wesentlich die Schmerzen. Aber auch das Fasten des Tieres hatte seinen tieferen Grund. Der Verdauungsprozess im Körper ist bekanntlich ein Gärungsprozess, undenkbar ohne Wärmeerzeugung. Da dem Tiere nun kein Wasser zur Verfügung stand, womit es hätte die für die Heilung der Verwundung unzweckmässige Wärme ableiten können, so verzichtete dasselbe vollständig auf die ihm dargereichte Nahrung. Es wollte eben keine neue Hitze dem Körper zuführen. Sein Instinkt sagte ihm genau, was zuträglich sei.

Abgemagert zum Skelett, zeigte sich nach einigen weiteren Tagen das Tier wieder, genoss Milch und war bald von normaler Lebendigkeit. Am dreissigsten Tage war die Katze wieder in völlig normalem Zustande, wenn auch an der Bruchstelle ein harter Knoten, der sie beim Gehen aber in keiner Weise hinderte, verblieben war.

Denken wir uns solch einen Prozess auf den Menschen übertragen; wie wäre dann wohl bei antiseptischer Behandlung die Heilung verlaufen? Wahrscheinlich wäre es da ohne Amputation nicht abgegangen, und die Sache hätte sich Wochen und Monate hingezogen, bis schliesslich eine Heilung so weit eingetreten wäre, dass der Patient als Krüppel sein Leben fristen konnte. Wäre vielleicht auch, den günstigsten Fall angenommen, eine Amputation vermieden worden, das Bein wäre aber unter medizinischer Behandlung zweifellos steif geblieben.

Noch einen anderen Fall, ebenfalls dem Tierreiche entnommen, möchte ich zur besseren Begründung meiner Wundbehandlung zum besten geben. Ein Hund war mit Schrot angeschossen und dadurch zwar schwer verwundet, aber nicht tötlich getroffen worden. Mehrere Schrotkörner hatten die Hinterbeine und Vorderbeine durchbohrt, andere den Hals von rechts nach links getroffen und waren sogar in der Haut an der linken Seite stecken geblieben. Luft- und Speiseröhre sowie die Hauptblutgefässe waren glücklicherweise unverletzt. Als die Wunden anfingen zu schmerzen, suchte der Hund einen feuchten, schattigen Platz auf und kühlte seinen Körper, insonderheit die schmerzhaften Stellen, an dem frischen Erdreich, das er sich stets wieder von neuem auskratzte, sobald es ihm zu warm geworden war. Unaufhörlich die Wunden leckend, verschmähte, er ganz entschieden jede dargebotene Nahrung. Er lief nur zweimal täglich an den in der Nähe befindlichen Teich, um Wasser zu saufen, das seine einzige Nahrung bildete. Der Heilprozess währte auch in diesem Falle nicht lange. Bereits nach fünf Tagen konnte man die Verletzungen an den Beinen, welche der Hund beständig lecken konnte, als geheilt betrachten, wiewohl sie noch etwas geschwollen waren. Die Verletzungen des Halses dagegen, an welchen der Hund nicht zu lecken vermochte, waren in dieser Zeit noch nicht völlig geheilt, obgleich dieselben nicht so schwer waren, wie jene an den Beinen. Erst eine Woche nach dem Unfälle nahm der Hund wieder Nahrung zu sich, nachdem mittlerweile auch die Halsverletzungen ausgeglichen waren. Die Schrotkörner hatten sich zwischen Haut und Muskeln eingekapselt.

Noch ein dritter Fall dürfte den verehrten Lesern Interesse bieten. Er bezieht sich auf einen Neufundländer Hund, dessen rechte Pfote, von einem Kohlenwagen überfahren, erheblich gequetscht worden war. Das Fell zeigte sich abgestreift, der Knochen zersplittert. Das Tier vermochte nicht zu gehen und musste durch einen Wagen nach Hause geschafft werden. Dort angelangt, kroch es, seine Pfote beständig leckend, an einen schattigen Platz. Tagelang frass der Hund nicht. Erst am vierten Tage nahm er wieder Nahrung zu sich. Mittlerweile war die Wunde soweit verheilt, dass er, das verwundete Bein in die Höhe hebend, wieder auf drei Beinen laufen konnte. Nach 20 Tagen war der Neufundländer wieder in normalem Zustande.

So bieten uns denn die hier angeführten Beispiele ohne Zweifel auch für die Behandlung des menschlichen Organismus einen sicheren Wegweiser. Kühlung durch Wasser und Meiden jeder oder mindestens erhitzender Nahrung sind auch hier die in die Wagschale fallenden Heilmittel.

Es muss demnach als recht verfehlt bezeichnet werden, wenn jene chirurgische Richtung, wie sie in den modernen Kliniken und Hospitälern geübt zu werden pflegt, zur Hebung der Kräfte dem Kranken die "nahrhaftesten" Speisen, wie Fleisch, Bouillon, Eier, Milch, Wein verordnet. Das ist das Verkehrteste, was nur geschehen kann und widerspricht ganz und gar den natürlichen Gesetzen. Ich halte es für das beste, wenn man in der ersten Zeit der Wundbehandlung dem Körper ausser dem Heilgeschäfte keinerlei weiteren Funktionen aufbürdet, da dies immer nur der Heilung hindernd in den Weg tritt. Gerade die antiseptische Art und Weise der Wundbehandlung mittels Karbolsäure, Jodoform, Sublimat, Cocain etc. beweist auf das schlagendste, wie wenig die medizinische Wissenschaft das Wesen und die Bedeutung der Vorgänge im Körper bis heute richtig erfasst hat. So sind die Chirurgen, die überaus günstigen Erfolge der Wasserbehandlung nicht kennend, immer weiter vom richtigen Wege abgewichen. Die Naturheilung ist ihnen also unbekannt.

Auf Grund vielfacher Beobachtungen gelangte ich auf den Weg, den eine naturgemässe Wundbehandlung bei Menschen einzuschlagen habe. Durch eigene Erfahrungen wurde es mir möglich, praktisch das zu verwirklichen und für die Menschheit nutzbar zu machen, was mich zuerst noch als Gedanke fesselte. Vor allem war es mir klar, dass die langsamere oder raschere Heilung von Wunden immer von einer mehr oder weniger starken Belastung des verletzten Körpers mit Fremdstoffen abhängig sein müsse.

Diese Voraussetzung hat mich auch nie getäuscht. Ich werde nun nach diesen einleitenden Erörterungen die verschiedenen Arten der Wunden besprechen und ihre Heilung an einigen Beispielen erläutern.



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Dieses Buch ist ein altes Fachbuch, der Inhalt entspricht nicht dem aktuellen Stand der Medizin. Angegebene Therapien entsprechen höchstens dem Stand der Medizin zum angegebenen Druckdatum. Dasselbe gilt für eine ggf. angegebene Rezeptur für ein Medikament. Diese entsprechen nicht dem heutigen Stand der Medizin und sind unter Umständen sogar körperlich schädigend. Die Zubereitung von Rezepturen und die Anwendung derselben gehört in die Hände erfahrener Ärzte und Apotheker.
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20. 5. 1983
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