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Lehrbuch der Gynäkologie

Otto Küstner, 4.Auflage 1910

 

III. ABSCHNITT.
Die Krankheiten des Uterus.

Kapitel IX.
Prolaps uteri et vaginae.
Von Otto Küstner.

Seite: 5/7Zurück (Anatomie)[ Grundlagen | Vaginalprolaps | Uterusprolaps | Anatomie | Therapie | Zusammenfassung | Gravidität ]Weiter (Zusammenfassung)


Therapie


Wenn man sich zur Aufgabe macht, aus dem Prolaps einen Zustand zu schaffen, der dem normalen möglichst nahekommt, so ist die Behandlung gewöhnlich nicht ganz einfach.

Diejenige Methode, welche in idealer Weise den Status quo herzustellen erstrebt, ist die Massage, verbunden mit Gymnastik. Durch besonders ausgebildete Handgriffe ist es dem Meister dieser Methode, THURE BRANDT, zuerst gelungen, alte Prolapse zu heilen, dem Uterus wieder seine völlige Normalstellung zu geben (vgl. Kapitel XXIX, Massage).


Fig. 139. Prolapsus uteri totalis. Der 13 cm Cavum messende Uterus liegt retrovertiert im Prolaps und erzeugt den hinten sichtbaren Buckel. Die hintere Muttermundslippe und angrenzende Partie der hinteren Scheidenwand trägt ein umfängliches "Decubitusulcus". Frau A.H., 47 Jahre alt, hat 3mal, zuletzt vor 9 Jahren, geboren. Seit 22 Jahren bemerkt sie den Vorfall; vor 13 Jahren operiert: ALEXANDER-ADAMS, vordere und hintere Kolporrhaphie; letztere heilte nicht prima. Bald danach wieder die Empfindung von Senkung, wogegen nach der Entbindung vor 9 Jahren der Vorfall in beträchtlicher Größe auftrat. Seit 6 Jahren zeitweise Pessartherapie; weil Pat. dieser überdrüssig, Aufnahme in die Klinik: Ventrifixur des Scheidengewölbes nach abdominaler Exstirpation des Uterus.

Auch ich verfüge über Beobachtungen, welche zugunsten dieser Methode sprechen, empfehle sie jedoch wegen der ganz bedeutenden Unsicherheit des Erfolges nicht. Sie hat für mich nur den Wert eines interessanten Experimentes. Die meisten Gynäkologen verhalten sich durchaus ablehnend gegen die Massage bei Prolaps. Es muß weiterer Beobachtung vorbehalten bleiben, ob nicht diejenigen Prolapsformen, wo der Uteruskörper durch Perimetritis im Becken fixiert ist, für eine Massagetherapie die meisten Aussichten bieten. ZIEGENSPECK sah Erfolg bei Cystocele und glaubt ihn auf Dehnung der nach seiner Ansicht der Lageveränderung zugrunde liegenden parametrischen Verkürzungen zurückführen zu müssen.

Für nicht zu veraltete Fälle genügt häufig dieselbe Therapie, wie für die Retroflexion. Man muß gewöhnlich die Pessare voluminöser wählen, dann gelingt es, den Uterus in normaler Anteversioflexio im Becken zu halten. Methodische kalte Scheidenirrigationen unterstützen die Rückbildung der hypertrophischen Scheide und Gebärmutter. Nach Semester- oder Jahresfrist kann man schon ein kleineres Instrument wählen; vielleicht tritt ohne Pessar der Uterus schon gar nicht mehr aus der Vulva heraus, so daß jetzt nur noch eine unkomplizierte Retroflexion zu behandeln ist.

Bei Greisinnen kann man sich damit begnügen, den Prolaps einfach zu reponieren und durch ein an sich irrationelles Pessar, welches nur die Eigenschaft hat, nicht leicht zu drücken, zurückzuhalten. Es ist irrelevant, ob der kleine atrophische Uterus ante- oder retroflektiert liegt. Derartige Pessare sind die von BREISKY besonders empfohlenen eiförmigen Hartgummipessare oder die ebenfalls aus Hartgummi gefertigten einfachen Ringe oder die siebartig durchlöcherten Schalenpessare, endlich die sogenannten Hysterophore.

In anderen Fällen kommt man mit der Pessarbehandlung nicht zum Ziel, oder sie verbietet sich durch die Abneigung der Kranken gegen das Instrument, durch die Unmöglichkeit, einem solchen die nötige Pflege angedeihen lassen zu können, oder dadurch, daß früher ungeeignete Instrumente Decubitus der Scheide gemacht hatten.


Fig. 140. Uterus, wegen Prolapses von der Vagina aus exstirpiert. Von der Hinterfläche aus gesehen. An der Portio hängt der dreieckige Lappen Scheidenschleimhaut, welcher als Colporrhaphia anterior bei der Operation zur Resektion kommt und mit der Portio in Zusammenhang belassen wird. Die Hinterfläche des Corpus uteri ist mit Peritoneum bekleidet, darunter folgt das lange für Prolaps charakteristische obere Cervixsegment, darunter die Portio vaginalis.
Frau K., 50 Jahre alt. 1 Partus vor 17 Jahren; Forceps. Seit Anfang des Jahres Vorfallsbeschwerden. Faustgroßer Prolaps. Operiert am 24. Juli 1907. Geheilt.


Dann treten die Operationen in ihre Rechte. Unter der Führung HEGARS beherrschte folgendes Verfahren seit langem die operative Prolapstherapie: Nach keilförmiger Exzision der vorderen und hinteren Muttermundslippe oder nach Resektion eines mehrere Zentimeter langen Stückes Cervix und einer auf diese Weise bewirkten Verkürzung des Uterus, oder mit Unterlassung dieser Operation wird die vordere und hintere Kolporrhaphie gemacht. Die vordere, indem man ein ovales Stück aus der vorderen Vaginalwand ausschneidet und transversal vereinigt, die hintere, indem man nach Analogie der Perineoplastik bei partiellem Dammspalt (vgl. Kap. V) entweder triangulär (HEGAR) oder zweizipflig, mit Schonung der Columna rugarum posterior (HEWITT, FREUND, MARTIN, Verf.) oder mit Lappenbildung und absoluter Gewebeschonung (LAWSON TAIT) anfrischt und ebenso wie bei dieser Operation vereinigt.

Diejenigen Operateure, welche die Cervixamputation für einen unumgänglich integrierenden Bestandteil der Prolapsoperation halten, vereinigen diese Operation mit der vorderen Kolporrhaphie, indem sie die seitlichen Schnitte dieser Anfrischungshgur nicht vor, sondern hinter der Portio im hinteren Scheidengewölbe zusammengehen lassen, die Cervix einige Zentimeter hinauf auslösen (Unterbindung des Ramus cervicalis der Uterina) und dann das Ganze sagittal oder T-förmig vereinigen. Annähen der Cervixschleimhaut an die Vaginalschleimhaut im Bereiche des entsprechenden Teiles der Wunde.


Fig. 141. Prolapsus uteri mit Prolapsus recti kombiniert. Vom Uterus steht das Orificium ext. an der hinteren Kommissur. Partieller Dammspalt. Frau K., 50 Jahre alt, hat 3mal geboren. Der Vorfall des Uterus besteht seit mehr als 10, der des Rectum seit l Jahre. Operation abgelehnt, ambulante Pessarbehandlung.


Fig. 142. Schalenpessar aus Hartkautschuk.


Fig. 143. Hysterophor zur Zurückhaltung von Frolapsen. Das birnförmge Pistill ist aus Gummi und kann behufs Reinigung leicht abgenommen werden.

Vordere und hintere Kolporrhaphie sind integrierende Bestandteile jeder wirksamen Operation des Uternsprolapses geblieben. Sie müssen gut und exakt ausgeführt werden, wenn das Dauerresultat gesichert sein soll.

Zwei Punkte sind es, welche einer ganz besonderen Beachtung bedürfen.

Die vordere Kolporrhaphie muß mit einer möglichst ausgedehnten Abschiebung der Blase von der vorderen Scheiden- und unteren Cervixwand und einer exakten Zurücknähung dieses die Cystocele bildenden Blasendivertikels durch verlorene Suturen verbunden werden.

Bei der hinteren Kolporrhaphie muß hoch in die Scheide hinein angefrischt, es müssen dann in der Tiefe die die Scheide seitlich umgreifenden Züge des Levator ani median durch verlorene Suturen vereinigt werden (Myorrhaphie des Levator ani (ZIEGENSPECK)).

Auch sonst müssen bei der Vereinigung der immerhin großen Wundflächen in ausgedehnter Weise verlorene und tiefgreifende Suturen in Anwendung gezogen werden. Zu allen auf der Oberfläche zu knüpfenden Nähten verwende man Silkwormgut oder Draht, da es zweckmäßig ist, die Nähte lange liegen zu lassen.


Fig. 144. Anfrischungsfiguren der Colporrhaphia anterior, am Prolaps der Frau G. (1897/98, No. 290) dargestellt. Der gerade Strich - Schnittführung bei Vaginifixur und bei WERTHEIM; ist auch für die Colporrhaphia ant. zu verwenden; dann reseziert man von ihm aus nach Ablösung der Blase rechts und links die erforderliche Menge Scheidenwand. Das den geraden Strich umziehende Oval stellt die ovaläre Anfrischung bei Colporrhaphia ant. dar, das die Portio mitumziehende Oval die Anfrischung, wenn zugleich ein Teil der Cervix reseziert oder der Uterus exstirpiert werden soll.

Dieses Verfahren erfüllt, wenn in beschriebener Weise angewendet, seinen Zweck, nämlich den einer dauernden Verengung der Vagina und einer Verstärkung des Beckenbodens. Bei der hinteren Kolporrhaphie bevorzuge ich die FREUNDsche Anfrischungstigur. Sehr oft dann, wenn ein alter Dammspalt besteht, lasse ich mich bei der Anfrischung durch die Narbe leiten, verfahre also wie bei meiner Methode der partiellen Dammplastik (vgl. Kap. V), reseziere die meist seitlich gelegene Narbe, vertiefe die Wunde so, daß eine Myorrhaphie des Levator ani möglich ist und vereinige zum Status quo.

LEFORTS Operation, früher schon von NEUGEBAUER sen., in Warschau geübt, besteht dann, daß man in der Mitte der Vagina vordere und hintere Wand auf eine 4 cm im Durchmesser kongruent anfrischt, beide Wundflächen miteinander vereinigt, Der so gebildete, von vorn nach hinten durch die Vagina verlaufende

Fleischsteg hindert den Uterus an weiterem Prolabieren. In der Leistungsfähigkeit steht diese Methode hinter vorderer und hinterer Kolporrhaphie weit zurück; außerdem korrigiert sie die Uterusstellung auch nicht. Sie ist besser als historisch zu betrachten.

Wenn nun durch diese Verfahren tatsächlich der Vorfall häufig insoweit geheilt wird, als nachher der fehlerhaft gelagerte Uterus nicht wieder vor die Vulva tritt, so befriedigen sie nicht vollkommen. Das, was sie nicht, und wenn, dann nur zufällig leisten, ist, sie geben dem im Becken zurückgehaltenen Uterus seine normale Stellung nicht wieder. Der Uterus bleibt auch nach der Operation in derselben Retroversio-flexio, welche das Vorstadium des Prolapses darstellte. Mag die Scheide durch die Kolporrhaphien noch so sehr verengt sein, so bohrt der retrovertiert liegende Uterus mit oder ohne Vaginalportion fortwährend in der Richtung der Scheidenachse und gegen die operativ verengten Partien hin. Ob als Resultat dieses permanent wirkenden Mechanismus nach Jahr und Tag der Prolaps wieder rezidiviert oder nicht, hängt von Faktoren ab, welche gänzlich außerhalb des Operationsverfahrens liegen.

Deshalb ist es nötig, daß man dem Uterus die normale Stellung gibt, von welcher aus er durch den abdominalen Druck nicht mehr in die Scheide hineingetrieben werden kann, die Stellung, welche durch diese Kraft geradezu gefestigt und in gesteigertem Maße gesichert wird, je mehr der an und für sich schon spitze Winkel, in welchem der Uterus zur Vagina geneigt ist, durch den abdominalen Druck immer noch spitzer gestaltet, verkleinert wird.

Vom Standpunkt einer korrekten Anschauung über die Mechanik und die Gleichgewichtsbedingungen der Beckeneingeweide aus ist sonach mit vorderer und hinterer Kolporrhaphie die Therapie des Uterusprolapses noch nicht abgeschlossen. Abgeschlossen ist sie erst dann, wenn der in der Scheide zurückgehaltene Uterus dauernd in normaler Anteversionsflexionsstellung liegt.

Die Normalstellung des Uterus dann noch durch ein Pessar zu erwirken, d.h. an die Kolporrhaphien noch eine Therapie wie bei reponibler Ketroflexion anzuschließen, ist unpraktisch. Das kann man nicht unmittelbar nach der plastischen Operation, man muß die Kolporrhaphienarben erst fest, sehr fest werden lassen, ehe man ihnen den Insult eines SMITH, THOMAS- oder SCHULTZE-Pessars zumuten kann. Man muß also noch Monate darüber verstreichen lassen. Dadurch wird die Behandlung sehr kompliziert, das kann nicht befriedigen. Auch die Kranken sind damit nicht zufrieden. Jede Kranke, welche in eine Operation willigt, will der Notwendigkeit, später ein Pessar tragen zu müssen, überhoben sein.

Deshalb machte ich vor 21 Jahren zuerst den Vorschlag, bei der operativen Behandlung des Uterusprolapses scheidenverengende Operationen prinzipiell mit einer, welche dem Uterus die korrekte Dauerstellung sichert, zu verbinden. Seitdem operierte ich die überwiegend meisten Prolapse so, daß ich eine Ventrifixur vornahm und unmittelbar an diese vordere und hintere Kolporrhaphie anschloß. Es sind auf diese Weise von mir und meinen Assistenten mehr als 400 Uterusprolapse operiert worden, und hat die Revision ergeben, daß mit diesem Verfahren bessere Dauererfolge erzielt werden, als mit irgendeinem der bis dahin angewandten, sicher erheblich bessere, als mit bloßen Kolporrhaphien mit und ohne Portioamputation. Weiter hat meine Erfahrung ergeben, daß meist nur dann der Dauererfolg zu wünschen übrig ließ, wenn bei den Kolporrhaphien oder bei der Ventrifixur Abweichungen von den gegebenen Regeln stattgefunden oder die Operationswunden in der Heilung Störungen erfahren hatten. Eine vollwertige Anerkennung erfährt die Richtigkeit dieses Prinzipes der operativen Prolapsbehandlung darin, daß seit Jahren WERTH und ZWEIFEL die ALEXANDERsche Operation mit scheidenverengenden Operationen verbanden, daß auf dem Würzburger Gynäkologenkongreß 1903 die meisten und erfahrensten Operateure sich für die Notwendigkeit aussprachen, die scheidenverengenden Operationen mit irgend einer protixierenden Methode zu kombinieren.

Die Methoden, in welchen dieses Prinzip zum Ausdruck kommt, sind folgende:
  1. Ventrifixur mit vorderer und hinterer Kolporrhaphie (Verf.).
  2. Ventrifixur mit Kastration, um eine möglichst schnelle Verkleinerung des hypertrophischen Uterus zu erzwingen, mit vorderer und hinterer Kolporrhaphie (Verf.).
  3. Vordere und hintere Kolporrhaphie mit Cervixresektion und Ventrifixur (Verf.). Hier ist mit den Scheidenoperationen zu beginnen, damit bei der Cervixresektion nicht an der eben gemachten Ventrifixur gezerrt wird. Anzuwenden bei bedeutender Cervixhypertrophie mit großem Decubitusulcus.
  4. a, b, c. Die Verfahren l-3, nur wird für die Ventrifixur die Promontoriifixur substituiert (Verf.), dabei wird nach Laparotomie der Uterus in der Höhe der Ansatzstellen der DoucLASschen Falten mit 10-12 Suturen hinten in der Höhe des Promontoriums fixiert; daselbst ist das Peritoneum vorher zu schlitzen. Nur bei sehr beweglichem Uterus anwendbar. Bei l, 3, 4 eventuell Tubenresektion, um das spätere Zustandekommen von Schwangerschaft zu verhindern, durch welche die Operierte, zum mindesten das Operationsresultat gefährdet werden könnte.
  5. a, c. Die Verfahren l und 3, nur wird für die Ventrifixur die ALEXANDER-ADAMSsche Operation substituiert. Im Falle 3 sind die vaginalen Operationen zuerst, ALEXANDERs Operation zuletzt zu machen.
  6. a, c. Die Verfahren l und 3, für die Ventrifixur wird die Vaginifixur substituiert.
  7. SCHAUTAS Verfahren: Beginn wie bei Vaginifixur, nur wird das Vesicovaginalseptum breit unterminiert, nach Eröffnung der vorderen Peritonealplica Verkürzung der Ligamenta sacrouterina durch Schlingenbildung vorgenommen, Blasenperitoneum an die hintere Cervixwand genäht (Schluß des Peritoneum). Vereinigen der Scheidenwundränder über dem im Vesicovaginalseptum liegenden Uteruskörper. Eventuell Tubenresektion. Hintere Kolporrhaphie.


Dasselbe Prinzip wie bei 7 findet auch in der WERTHEIMschen -Methode Ausdruck. Diese besteht darin, daß zunächst wie bei der vorderen Kolpotomie resp. der Vaginifixur verfahren wird; jedoch wird die peritoneale Oeffnung so weit gemacht, daß das ganze Corpus uteri durch dieselbe in die Scheide gezogen werden kann; dieses wird alsdann in ie Scheide "implantiert", indem man seine Hinterwand in die Längswunde der Scheide einnäht. Von der vorderen Scheidenwand kann man bei bedeutendem Materialüberschuß resezieren. Daran schließt man eine utere Kolporrhaphie in derselben Weise, wie beschrieben, an.

Wenn es bei oberflächlicher Betrachtung scheinen könnte, als ob das in die Scheide eingeheilte, auf dem Kopfe stehende Corpus uteri gewissermaßen als Pessar wirkt und das Wiedereintreten des Vorfalles hindert, so muß man diese Auffassung fallen lassen, wenn man bedenkt, daß ja das Corpus uteri viel zu klein ist, um einem Prolaps von nennenswerter Ausdehnung gegenüber als Pessar in Betracht zu kommen. Wenn diese Operation Dauererfolg aufweist, so tut sie es nur dadurch, daß der Uterus in, und zwar utrierter, Anteversionsflexionsstellung dauernd erhalten wird, und dadurch, daß der Uterus unterhalb der Blase und auch desjenigen Abschnittes derselben, welcher vorher als Cystocele mitprolabiert war, zu liegen kommt, so die Möglichkeit des Rezidivierens der Cystocele hindert.

Ich hatte die Neigung, in der WERRTHEIMschen Methode einen bedeutungsvollen Fortschritt auf dem Gebiete der Prolapstherapie zu sehen. Sie stellt, meiner Ansicht, eine vorteilhafte Uebertreibung der Vaginifixur dar; diese Uebertreibung ist dem Prolaps gegenüber notwendig, weil dieser, verglichen mit der Retroversioflexio, als eine exzessive Steigerung der Lageveränderung aufzufassen ist. Nicht verschweigen kann ich, daß die Operierten nicht immer volle Zufriedenheit mit dem durch die Operation geschaffenen Zustande äußerten. Auch sah ich ebenso wie WERTHEIM danach Rezidive des Prolapses.

Naturgemäß kann dieses Verfahren nur bei Frauen jenseits des Klimakteriums Anwendung finden, anderenfalls müßte durch Resektion der Tuben oder eines Stückes derselben der Möglichkeit einer Konzeption vorgebeugt werden.

FRITSCH ging noch einen Schritt weiter, indem er die vordere Wand des nach wertiieim in die Scheide implantierten Uterus in die Wunde der hinteren Kolporrhaphie einnähte.

Vor WERTHEIM "implantierte" FREUND den Uterus in die Vagina, indem er das hintere Scheidengewölbe öffnete, von hier den Uteruskörper in die Scheide zog und seine vordere Wand in die Wunde der hinteren Kolporrhaphie einnähte. Bedeutungsvoll ist, daß hierbei durch den Zug der vorderen Uteruswand die Cystocele ohne weiteres von selbst zum Wegfall kommt, und einer besonderen operativen Berücksichtigung nicht bedarf.

Alle diese Verfahren, mit Ausnahme des FRITSCHschen, belassen der Operierten später die Kohabitationsmöglichkeit, ein nicht zu unterschätzender und schwer in die Wagschale fallender Vorteil; einige, No. l, 3, 4a, c, 5, auch die Konzeptions- und Gebärmöglichkeit. Der letzte Punkt ist bei der Wahl der Methode unter Berücksichtigung des Alters der Kranken in Betracht zu ziehen. In Betracht zu ziehen ist ferner, inwieweit die gewählte Profixurmethode die Gebärmöglichkeit unvorteilhaft beeinflußt; vgl. darüber Kap. VIII.

Für das Gelingen aller bisher erwähnten Prolapsoperationen ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung ferner die Berücksichtigung des oft sehr bedeutenden Cervixödems, der cervico-vaginalen Decubitusgeschwüre. Das erstere ist vor jedem der erwähnten Verfahren dadurch tunlichst zum Wegfall zu bringen, daß die Kranke vor der Operation eine Reihe von Tagen nach Reposition des Prolapses Bettruhe einzuhalten hat (Liege-Vorkur). Sollte dadurch die Cervixdehnung, die "Hypertrophie" der Portio supravaginalis nicht zu genügender Reduktion gebracht werden, so müßte das die Wahl der Methode beeinflussen, müßte Cervixresektion ins Auge gefaßt werden. Die Decubitusulcera aber müssen vor der Operation womöglich zum Abheilen gebracht werden, damit nicht von ihnen aus die frischen Operationswunden infiziert werden. Aetzungen und vaginale Spülungen während der Liege-Vorkur erreichen das. Es darf nicht früher operiert werden, ehe die Ulcera sich nicht zum mindesten "gereinigt" haben. Anderenfalls ist bei der Operation die Resektion der ulcerösen Stellen erforderlich.

In der Zeit, als sich die Beobachtungen häuften, daß bloße scheidenverengende Operationen mit und ohne Cervixresektion nicht mit der erforderlichen Sicherheit dem Rezidivieren des Prolapses vorbeugten, suchte man in einer weitergehenden Verstümmelung eine Verbesserung der operativen Verfahren. Und als dann sehr bald die Beobachtungen zeigten, daß auch die Totalexstirpation des Uterus Rezidive, naturgemäß nur des Scheidenprolapses, nicht ausschloß, gingen FRITSCH und MARTIN den logischen Schritt weiter und exstirpierten Uterus und Scheide, und zwar von den Genitalien aus.


Fig. 145. Ring- ans Hartkautschuk zur Palliativbehandlung von Prolapsen.

Neuerdings hat die vaginale Totalexstirpation des Uterus mit Resektion eines umfänglichen vorderen Scheidenlappens und verbunden mit hinterer Kolporrhaphie in BUMM einen begeisterten Vertreter gefunden. BUMM sieht den Hauptvorteil dieses Verfahrens darin, daß keine Fixationsnaht zurückgelassen wird, welche leicht in der Lage ist, später das Wohlbefinden zu stören, und hat hohe Prozente absoluter Arbeitsfähigkeit danach beobachtet.

Der Gang der Operation ist folgender:

Vorderer Kolporrhaphieschnitt, welcher die Portio umgreift, Ablösen und Zurückschieben der Blase, Eröffnen der Plica vesicouterina, Herausholen des Uterus, Abbinden der Ligamente in Partien mit Zurücklassen von Tuben und Ovarien, Absetzen des Uteras von der hinteren Scheidenwand. Querer Verschluß des Peritoneums mit Einnähen der Stümpfe in die Ecken. Schichtweiser Nahtverschluß der übrigen umfänglichen Wunde, so daß schließlich die gesamte Scheidenwunde sagittal geschlossen ist.

Während die Exstirpation des Uterus bei Prolaps sehr leicht ist, so befriedigt die Exaktheit des Nahtverschlusses der großen Höhlenwunde nicht immer. Heilungsstörungen kommen vor und diese trüben dann auch das funktionelle Resultat.

An meiner Klinik sind über 30 große Uterusprolapse nach BUMM operiert worden. Die Kontrolle der Fälle nach genügend langer Zeit hat über 70 Proz. einwandfreie Dauerresultate ergeben.

Schon früher hatte P. müller die Amputatio uteri supravaginalis mit Einnähen des Stumpfes in die Bauchwunde zur Heilung des Prolapses versucht; JACOBS gestaltete die diesem Verfahren zugrunde liegende Idee zu seiner "totalen utero-adnexellen Kastration" aus, bei welcher er vom Abdomen aus operiert und intraperitoneal versorgt.

Der Umstand, daß die hyperplastische Portio supravaginalis in den Fällen, in welchen sie oder der ganze Uterus erhalten bleibt einerseits, andererseits die ohnehin von allen Beckenorganen am schlechtesten fixierte gelockerte Blase das Rezidiv des Prolapses verschulden, ließen mich in letzter Zeit noch radikaler vorgehen. Ich exstirpierte bei großen Prolapsen mit langer Cervix den Uterus abdominal, vernähte Scheide und parametrane Wunden und fixierte die Scheide mit zahlreichen Nähten an den unteren Bauchwundenwinkel. Dadurch daß die Scheide in beliebiger Höhe abgesetzt werden kann, gelingt es, eine genügende Straffung der vorderen Vaginalwand zu erzielen und so ihr Wiederprolabieren zu verhindern. Erforderlichenfalls wird mit der Operation eine mehr weniger ausgiebige hintere Kolporrhaphie verbunden. Dieses Verfahren verspricht bei großen Prolapsen sehr günstige Dauerresultate. Ich nenne es die Ventrifixur des Scheidengewölbes.

Natürlich ist die Totalexstirpation oder supravaginale Amputation auch beim Prolaps durch diejenigen Affektionen indiziert, welche sie ohnedies indizieren, also vorwiegend durch Tumorbildung. Für mich käme jetzt nur die Totalexstirpation in Betracht, eventuell mit Anschluß der Ventrifixur des Scheidengewölbes, wie beschrieben.

Ueber die spezielle Technik der supravaginalen Amputation und Totalexstirpation vgl. noch die Kapitel XIII und XIV.

Bei Greisinnen, bei welchen der Uterus schon erheblich verkleinert, die Vaginalschleimhaut dünn, die Vulvagebilde mager geworden sind, eignen sich von den besprochenen Methoden einige nicht.

Wird eine Operation nicht abgelehnt, so können vordere und hintere Kolporrhaphie genügen. Sicheren Dauererfolg verspricht hier die Kombination mit der Vaginifixur, eventuell die SCHAUTAsche Methode.

Ist es stumpf oder scharf gelungen, die Lageanomalie voll auszugleichen, so pflegen die Sekundärerkrankungen, wie Oedem der Uterusschleimhaut und der Portio, selbst der Blasenkatarrh, schnell spontan zur Heilung zu gelangen. Es sei denn, die Erkrankung der Blase beschränke sich nicht mehr auf die Schleimhaut, sondern habe zu tiefergreifenden Zerstörungen geführt.




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Achtung!
Dieses Buch ist ein altes Fachbuch, der Inhalt entspricht nicht dem aktuellen Stand der Medizin. Angegebene Therapien entsprechen höchstens dem Stand der Medizin zum angegebenen Druckdatum. Dasselbe gilt für eine ggf. angegebene Rezeptur für ein Medikament. Diese entsprechen nicht dem heutigen Stand der Medizin und sind unter Umständen sogar körperlich schädigend. Die Zubereitung von Rezepturen und die Anwendung derselben gehört in die Hände erfahrener Ärzte und Apotheker.
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