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Lehrbuch der Gynäkologie

Otto Küstner, 4.Auflage 1910

 

III. ABSCHNITT.
Die Krankheiten des Uterus.

Kapitel VIII.
Retroversio-flexio und Descensus uteri.
Von Otto Küstner.

Seite: 1/5[ Grundlagen | Orthopädische Therapie | Operative Therapie | Zusammenfassung | Gravidität ]Weiter (Orthopädische Therapie)

Grundlagen


Unter Retroversio-flexio versteht man denjenigen Zustand, bei welchem das Corpus uteri, weit über seine normale Bewegungsexkursion hinaus, in dem hinteren Beckenhalbring, dementsprechend die Portio in dem vorderen Platz genommen hat. Da hierbei die Portio zugleich der Vulva näher als normal steht, so kann man diese Lageveränderung mit Recht auch Tiefstand des Uterus, Descensus uteri nennen.

Zwischen Retroversio und Retroflexio besteht ein wesentlicher Unterschied nicht.

Eine Retroflexio bildet sich so lange aus, als der Uterus flexibel ist. Ob er das ist, hängt wesentlich von der Gewebsbeschaffenheit in der oberen Gegend des Halskanals ab; d.h. ein virginaler Uterus ist fast stets flexibel, ein Uterus, welcher schon viele Kinder getragen hat, ist es wenig oder nicht mehr. Weiter können entzündliche oder hyperplastische Zustände den Uterus starr machen.

Auch ein normal flexibeler Uterus liegt zunächst in Retroversio. Erst Wenn die Bauchpresse längere Zeit in fehlerhafter Weise auf seine, der Blase zugekehrten Wand gewirkt hat, wird er in Retroflexio umgebogen.

In den meisten Fällen von Retroversio-flexio sind die dem Uterus benachbarten Organe an der Lageveränderung beteiligt.

Das trifft besonders die Vagina, die Ovarien und die Ligamenta lata. Durch den Tiefstand der Portio wird der oberste Teil der Scheide mehr oder weniger invaginiert oder invertiert; die Ovarien werden durch ihre kurzen und wenig nachgiebigen Ligamente weiter nach hinten in das Becken hinabgezogen. Die Ligamenta lata werden torquiert in derselben Weise, wie das Mesenterinm bei Achsendrehungen des Darmes, dadurch die Gefäße, besonders die schwachwandigen Venen, komprimiert, so daß ebenso, wie bei Achsendrehung des Mesenteriums im Darm, Stauung im Uterus die Folge ist. Die Blase, welche an die cervikale Partie des Uterus meist kurz und straff angeheftet ist, erleidet in der Richtung von hinten nach vorn eine Verkürzung, derjenige Teil, welcher in gleicher Weise mit der vorderen Scheidenwand verbunden ist, partizipiert an der konsekutiven Lageveränderung dieser, sinkt tiefer herab und gelegentlich mit der Scheide aus den Genitalien heraus (Cytocele).

Solange die Retroversion frisch ist, ist die Lageveränderung das Hauptsächlichste des pathologischen Befundes. Bleibt sie längere Zeit bestehen, so treten sekundäre Veränderungen auf. So wird infolge der erwähnten Stauungsverhältnisse das gesamte Uterusgewebe ödematös durchtränkt. Allmählich wird es durch den Austritt weißer Blutzellen voluminöser und dicker, Bindegewebshypertrophie tritt hinzu, es entwickelt sich ein Zustand, welchen man als Metritis chronica zu bezeichnen pflegt.

In gleichem Maße partizipiert an dieser Veränderung das Endometrium, so daß Schleimhauthyperplasie mit Hypersekretion einen konstanten Befund bei länger bestehender Retroflexion darstellt.

Ein häufiger Begleitbefund ist einseitige oder doppelseitige Oophoritis.


Fig.105. Retroversio-flexio. Die Normallage des Uterus und des einen Ovariums ist punktiert angedeutet. So wird ersichtlich, wie bedeutend bei der Retroversio-flexio auch die Portio ihre Stellung verändert, und wie bedeutend die konsekutive Lageveränderung der Scheide und der Blase sein muß.

Von Wichtigkeit ist das Verhalten des Peritoneums bei Retroflexion. Durch den dauernden Kontakt der sonst oberen Fläche des Uterus, der dislozierten Ovarien mit der vorderen Rectumwand und dem Peritoneum der gesamten hinteren Becken­wand, ein Kontakt, welcher überhaupt nicht unterbrochen wird, da Füllung und Entleerung von Blase und Mastdarm nicht im entferntesten gleich große Lokomotionen des retroflektierten Uterus involvieren, wie des normal gelegenen, kann es allmählich zu Verlötungen zwischen den Organen im hinteren Beckenraume kommen.

Die so entstandenen Verlötungen sind nur zarte Filamente und dünne Segel.

Umfängliche, flächenhafte, sehr feste Verlötungen des Uterus mit der hinteren Beckenwand sind nicht mechanischen, sondern immer infektiösen, von der Retroversio-flexio unabhängigen Ursprünge. Sie sind Teilerscheinungen der puerperalseptischen Metritis, der Uterus- und Tubengonorrhoe; Verwachsung der Ovarien, Verschluß der Fimbrienenden, entzündliche Schwellung des mit eiterigem Sekret gefüllten Tubenrohres komplizieren den Befund. Gelegentlich sind dann auch Netz- und Darmpartien mit den inneren Genitalien adhärent.

Werden solche flächenhafte Adhärenzen Jahre alt, so wird das verlötende Bindegewebe fester und unnachgiebiger, als das Gewebe der verwachsenen Organe.

Was die Aetiologie der Retroversio-flexio betrifft, so ist zweifellos, daß die Affektion häufig aus dem Wochenbett stammt. Irrtümlicherweise aber nimmt man vielfach an, daß das frühe Verlassen des Wochenbettes die häufigste Ursache der Retroflexion sei. Der noch schwere, nicht genügend involierte und noch dazu mit seinen, durch die Gravidität gelockerten Ligamenten nicht genügend gefestigte Uterus soll bei unglücklich oder unzweckmäßig agierender Bauchpresse leicht in Retroversio-flexio umgekippt werden können.

Dieser Mechanismus ist nicht verständlich. Ich habe durch Versuche und Messungen an gesunden Wöchnerinnen gezeigt, daß weder ein nach den landläufigen Anschauungen verfrühtes Verlassen des Wochenbettes, noch forcierte Wirkung der Bauchpresse, weder bei absoluter Leere, noch selbst bei exzessivem Füllungszustande der Nachbarorgane einen normal gelagerten und normal befestigten Uterus zu retroflektieren vermögen.

In aufrechter Körperhaltung liegt der puerperale Uterus, und zwar in weit höherem Maße als der nicht puerperale, in schärferer Anteflexion, nimmt also gegenüber der Eventualität, in Retroflexion umkippen zu können, eine geschütztere Stellung ein, als in der Rückenlage. Läßt man die aufrecht stehende Wöchnerin ihre Bauchpresse exzessiv in Tätigkeit setzen, oder tut man es, nachdem die Blase mit 1000 ccm Wasser gefüllt, oder nachdem man in das Rectum einen 400-600 ccm Wasser haltenden Gummiballon plaziert, oder nachdem man Blase und Rectum gleichzeitig stark angefüllt hat - niemals legt sich der Uterus in Retroflexion oder in eine Lage, von welcher aus leichter Retroflexion entstehen könnte.

Derartige Versuche, unter verschiedenen Modifikationen wiederholt, ergaben stets dasselbe negative Resultat, so daß man ihre Beweiskraft anerkennen und behaupten darf, daß nur in Ausnahmefällen bei intaktem Ligamentapparat durch verfrühtes Verlassen des Wochenbettes oder durch eine unglückliche Wirkung der Bauchpresse während des Puerperiums eine Retroflexion entsteht.

Dazu stimmt die klinische Beobachtung. Wir finden die Retroflexion hei der arbeitenden Klasse, welche habituell kurze Zeit nach der Geburt das Bett verläßt, nicht häufiger als bei der wohlhabenden.

Dennoch sind die meisten Retroflexiouen ätiologisch mit denjenigen Veränderungen in Beziehung zu bringen, welche Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett hinterlassen. Wenn wir diese Dinge richtig würdigen wollen, dürfen wir unsere Beobachtung nicht auf die Verhältnisse der weiblichen Beckenorgane beschränken, sondern müssen unseren Blick etwas weiter schweifen lassen und die übrigen Organe, zum mindesten die des Abdomens, in Betracht ziehen.

Die Schwangerschaft, das enorme Wachsen des Uterus, hat nicht nur eine Dehnung der Bauchdecken zur Folge, sondern übt eine Dislokation auf sämtliche Unterleibsorgane aus. Evident ist die Zunahme der Kantenstellung der Leber, weniger hochgradig ist eine analoge Verschiebung der Milz und selbst der außerhalb des Abdomens gelegenen Nieren. Mit der Geburt fällt mit einem Schlage das hauptsächlichste dislozierende Moment, die Uterusvergrößerung, weg, und dieser plötzlichen Umgestaltung müssen sich die Lageverhältnisse sämtlicher Abdominalorgane plötzlich anpassen. Das gelingt in vollkommener oder nahezu vollkommener Weise bei Frauen mit normalen kräftigen Geweben, bei den Frauen der "straffen Faser". Eine vollständige Rückkehr zu den virginalen Verhältnissen gewinnt das Abdomen aber auch bei diesen nicht. Die jugendliche virginale Straffheit kehrt nicht vollkommen wieder, äußerlich in den Bauchkonturen nicht und auch innerlich in der Festigkeit der Organe nicht.

In viel höherem Maße ist das der Fall bei Frauen mit schlaffer Faser, mit dem Habitus der Muskel- und Gewebsschwäche. Schlaffe, hängende Bauchwandungen, flache, niedrige Zwerchfellkuppel, Schlaffheit des Ligamentum Suspensorium hepatis mit Tiefstand der Leber, Wanderleber, analoge Dislokation der Niere, besonders der rechten, Tiefstand des Magens, der Milz, des Colon transversum sind die Folge, die bleibende Folge, das Bild, welches wir zusammenfassen in dem Begriff der Enteroptose. Die analogen Verhältnisse spielen sich im Becken ab. Und alles das in gesteigertem Maße, wenn es nicht bei einer einmaligen Schädigung in gedachtem Sinne bleibt, sondern wenn die Schädigungen sich häufen, wenn Schwangerschaft auf Schwangerschaft folgt, wenn nach dem Wochenbette eventuell protrahiertes Stillgeschäft weitere Ernährungsstörungen des schwächlichen Körpers veranlaßt. Dann sinkt nicht nur die Leber, sinken nicht nur Magen, Milz und Niere, dann lassen auch die Befestigungsorgane den Uterus sinken, die schlaffe Beckenfascie läßt ihn tiefer treten, und das um so eher, als von der Geburt eventuell zurückbleibende Weite der Vagina und Schlaffheit des Beckenbodens ihrerseits es nicht hindern. Das Sinken des Uterus braucht noch nicht eine Retroversio-flexio zu bedeuten. Immerhin aber wird dadurch an die Ligamentmuskulatur des Uterus eine höhere Aufgabe gestellt. Die Befestigungsmittel dieses Organes haben gelitten, seine Bewegungsorgane müssen die Funktion der ersteren mit übernehmen, und das können sie um so weniger, wenigstens nicht auf die Dauer, als auch sie unter dem Einfluß der allgemeinen Ernährungsstörung an Leistungsfähigkeit eingebüßt haben. Die Folge ist, daß das entsteht, was man einen Uterus mobilis nennen kann, eine Stellung, wobei man bei leerer Blase den Uterus häufig so antrifft, wie er normal nur bei voller Blase stehen dürfte, aufgerichtet mit dem Fundus, zwischen Blasenscheitel und vorderer unterer Uteruswand Dünndarmschlingen.

Von dieser Stellung aus ist es der Bauchpresse leicht möglich, den Uteruskörper nach hinten zu bewegen; sie schiebt zugleich die Portio tiefer, und die Häufung derartiger Kraftimpulse kann leicht allmählich das Corpus in eklatante Retroversio-flexio drängen, ebenso wie es gelegentlich einmal eine akute, besonders intensive Phase der­artiger Kraftimpulse tun kann.

So entstehen zweifellos sehr viele von den beweglichen Retro-versionen-flexionen des Uterus. Sie sind die unmittelbaren Folgen eines Zustandes, welchen wir als Partiar er scheinung der Enteroptose auffassen müssen, und folgerichtig möchte ich für sie die Bezeichnung Hysteroptose wählen. Sie stellen den ersten Grad, der Prolaps, wie im nächsten Kapitel erörtert werden wird, den zweiten Grad der Hysteroptose dar.

Weiter sind es infektiöse Prozesse, welche den Ligamentapparat und den Uterus selbst schlaff und insuffizient machen. Die gleichen Prozesse führen dann schon im Puerperium zu Verwachsungen des Uterus mit der hinteren Beckenwand und bringen ohne weiteres schon das Organ in Retroflexion oder wenigstens in eine Mittelstellung, aus welcher unter dem Einflüsse der Bauchpresse, der gelegentlichen exzessiven Blasenfüllung oder von Zufallskräften leichter, als aus der Normallage heraus, Retroflexion erzeugt werden kann.

Eine andere Quote entsteht dadurch, daß eine parametritische Schwarte die Cervix in der vorderen Hälfte des Beckens fixiert, infolgedessen das Corpus nach hinten zu sinken zwingt.

Eine wieder andere endlich dadurch, daß die Portio ebenfalls durch eine parametritische, perisalpingitische, perioophoritische Schwarte stark seitlich im Becken fixiert wird. Dadurch wird die Ligamentmuskulatur der einen Seite wegen übermäßiger Spannung, die der anderen wegen übermäßiger Erschlaffung insuffizient, beide sind nicht mehr in der Lage, die cervikale Partie hinten im Becken zu halten, lassen sie nach vorn und das Corpus nach hinten treten.

ZIEGENSPECK geht auf Grund sorgfältiger Untersuchungen an der Lebenden, welche er später bei der Autopsie kontrollieren konnte, so weit, für alle Retroversionen-flexionen eine Beschränkung der passiven Beweglichkeit des Uterus, bedingt durch entzündliche Fixationen des Organs, anzunehmen.

Eine beträchtliche Anzahl von Retroflexionen, welche wir auf Grund der Anamnese als puerperal aufzufassen geneigt sind, bestand schon vor dem ersten Wochenbett und der ersten Schwangerschaft, ist aus dem virginalen Zustande mit in diese hinübergenommen worden und wird als puerperal gedeutet, weil sie erst vom Puerperium an Erscheinungen macht, Meno- oder Metrorrhagien, stärkere Druckerscheinungen von selten des jetzt vergrößerten Organes. Wie ich gezeigt habe, stellt die virginale Retroversio-flexio recht häufig einen Entwickelungsfehler dar, welcher mit einem mangelhaften Descensus ovariorum gepaart ist. Die HUNTERschen Leitbänder (Ligamenta ovariorum und Ligamenta rotunda uteri), welche die Ovarien hinten und oben beließen, beließen auch das meist zu kleine Corpus uteri hinten stehen, zogen es nicht in normale Anteversio. Ebenfalls ist die kongenitale, von W.A. FREUND als Entwickelungsstörung erkannte , abnorme Tiefe der DOUGLASschen Tasche von Bedeutung für die Entstehung der Retroversio-flexio.


Fig. 106. Uterus, welcher lange in Retroflexion gelegen hat. Verdickung des Corpus, bedeutende Elongation des Collum, beides Folgezustände der Retro­flexion, bezugsweise des Tiefstandes des Uterus. Frau S., 42 Jahre alt, hat 6mal geboren, anhaltende, sehr bedeutende Blutung seit 6 Monaten, welche nach Eeposition und Aus­schabung nicht steht. Totalexstirpation.

Wenn THEILHABER feststellte, daß das kindliche Mesometrium relativ arm an Muskulatur ist, diese sich erst um die Zeit der Pubertät kräftig entwickelt, um im Greisenalter wieder abzunehmen, so müssen wir in der Muskelarmut des Mesometriums eine Teilerscheinung des Infantilismus, welche ebenfalls das Zustandekommen der Retroversio-flexio erleichtert, erblicken.

Ferner entstehen Retroflexionen dadurch, daß Entzündungen nicht puerperaler Natur sich hinter dem Uterus etablieren, und die schrumpfenden Prozesse das Corpus uteri direkt nach hinten ziehen. So sind nicht selten die Oophoritis, Salpingooophoritis und Salpingitis mit ihrer Konsequenz, der peritonealen Verlötung der Organe, die Ursache der Retroflexio.

Ein Beispiel mag diesen Entstehungsmodus illustrieren.

Frau W., 20 Jahre alt, seit einigen Wochen verheiratet. Der Mann hat vor 4 Jahren Gonorrhoe gehabt, hat auch zur Zeit der Verheiratung noch an goutte militaire gelitten. Jetzt klagt Pat. über heftige Schmerzen im Unterleibe, besonders in der linken Seite, starke Regel, auch blutigen Abgang außer der Zeit, Fluor albus.

15.Aug.1889. Salpingooophoritis, vorwiegend links. (Linke Adnexe sehr bedeutend geschwollen, an normaler Stelle gelegen, ebenso wie Uterus normal liegt.

26.Aug. Die immer noch stark verdickten linken Adnexe sind nach hinten unten, in die obere Partie des DOUGLASschen Raumes gesunken.

12.Sept. Adnexe schwellen ab, Uterus steht nicht mehr in Anteversio-flexio.

15.Sept. Linke Adnexe völlig zurückgebildet, liegen nach links und hinten von dem retroflektierten Uterus und sind daselbst mit ihm verbacken.

Endlich aber besteht die Möglichkeit, daß auch bei normalem Uterus und normalem Bandapparat plötzliche Aktionen der Bauchpresse in so eigentümlicher Weise zum Ausdruck kommen, daß der Uterus in Retroflexion umgekippt wird, wie durch dieselben Kräfte auch bei normalem Mesenterium eine Achsendrehung des Darmes, bei normalen Bauchdecken eine Hernie der Linea alba, eine bewegliche Niere zustande kommt, ohne daß wir in der Lage sind, die Mechanik der Kraftwirkung detailliert analysieren zu können. Das kann leichter während, kann aber auch außerhalb des Puerperiums vorkommen. Anhaltende Rückenlage, z.B. während der Konvaleszenz nach Operationen, steigert die Disposition für diesen Entstehungsmodus der Retroversio-flexio.

Die Erscheinungen, welche die Retroversio-flexio macht, sind individuell sehr verschieden. Die eine Frau trägt ihr Leiden seit vielen Jahren und ist imstande, mit Leichtigkeit den Anforderungen, welche Gesellschaft, Familie und Beruf an sie stellen, voll zu genügen; sie fühlt sich nicht krank, die Uterusdeviation wird mehr zufällig entdeckt. Die andere wird durch ihre Retroversio-flexio zum vollständigen Invaliden.

Lokale Symptome macht fast jede Retroversio-flexio, insoweit als sie den menstruellen Blutfluß verstärkt. Selbst bei virginaler Retro­flexion ist die hauptsächlichste Klage, mit welcher sich die Mädchen an den Fachmann wenden, eine zu starke Regel. Exzessiver wird die Menorrhagie, wenn durch mehrere Schwangerschaften der Uterus an Größe und Blutreichtum gewonnen hat.

Die Menorrhagie basiert auf den geschilderten Stauungsverhältnissen, welche durch die Achsendrehung der breiten Ligamente zustande kommen. Ein Koeffekt der Stauung ist eine größere Sukkulenz, eine ödematöse Schwellung der Uterusschleimhaut auch außer der Zeit der Periode, so daß auch die Schleimabsonderung der Uterushöhle, welche normaliter ein für die Frauen nicht bemerkbares Minimum beträgt, stärker wird. Zur Verstärkung der Schleimabsonderung in der intermenstruellen Zeit tragen noch weitere Momente bei. Retroversio-flexio ist stets gleichbedeutend mit relativem Tiefstand des Uterus. Ist der Tiefstand einigermaßen bedeutend, so zerren die Scheidengewölbe an der Portio und bringen ein Orificium externum, welches ohnedies geschlossen sein würde, zum Klaffen, besonders dann, wenn es durch nicht geheilte Geburtsverletzung in einen breiten Querspalt verwandelt ist. So wird der unterste Teil der Cervixschleimhaut evertiert und muß, seines physiologischen, auf Gegenseitigkeit beruhenden Druckes entbehrend, stärker sezernieren. Allein die Richtiglagerung des Uterus läßt häufig solche Eversionen samt der konsekutiven Hypersekretion zum Wegfall kommen.

Bei längerem Bestehen der durch die venöse Stauung bedingten Ernährungsstörungen entwickeln sich stabile Zustände, Anschwellung und Verdickung der Uteruswand, Verdickung der Schleimhaut im Typus der Endometritis chronica hyperplastica. Konsequenz: Weitere Steigerung der Menorrhagie; oft treten die periodischen Blutungen zu früh ein und sind von zu langer Dauer.

Primär, lediglich mechanisch durch die Lageveränderung des Uterus bedingt, sind die nicht seltenen Blaseilbeschwerden. Meist handelt es sich um Strangurie. Sie steigert sich bis zur Dysuria paradoxa, sobald der retroflektierte Uterus durch Gravidität, Neubildung oder Entzündung vergrößert, und deshalb die Blasendislokation noch bedeutender ist. Im Anschluß an die mangelhafte Entleerung der Blase entwickelt sich dann leicht Cystitis.


Fig. 107. Perimetritis, Perisalpingitis, Perioophoritis adhaesiva. Uterus, Tuben, Ovarien und Ecctura sind durch pelveoperitonitische Pseudomembranen verwachsen; dieselben hielten den Uterus in Retroflexion fixiert; um sie deutlicher darstellen zu können, ist der Uterus etwas nach vorn und oben gezogen zu denken. Die Fimbrienenden der Tuben sind nur stenosiert, nicht völlig verlötet. Es besteht ein geringer Grad von Hydrosalpinx. Das Bild ist die Kopie einer von mir unmittelbar nach der Laparotomie entworfenen Skizze. Frau A. S., 38 Jahre alt, hat Imal vor 12 Jahren geboren; seitdem klagt sie über Kreuzschmerzen. Dysmenorrhöe und Metrorrhagie. Wiederholte Versuche der SCHULTZEschen Trennung erfolglos. 28. Febr. 1889 Laparotomie, Durchbrennen der pelveoperitonitischen Stränge mit Paquelin; Ventrifixur des Uterus.

Der Druck des Uterus auf das Rectum hat häufig Stuhlbeschwerden, Obstipation, Flatulenz zur Folge. Er ist es auch, welcher den Rückfluß in den Rectalvenen noch mehr behindert, als sonst schon durch die lokalen Verhältnisse bedingt ist, so daß durch die Retroflexion Hämorrhoidalbeschwerden erzeugt oder vorhandene gesteigert werden.

Als weitere Folge der Falschlage finden wir nicht selten bei der Retroflexion pathologische Empfindungen oder funktionelle Störungen an einer oder beiden Unterextremitäten, von harmlosen Formikationen an bis zu Lähmungserscheinungen.

In den meisten Fällen handelt es sich um Druck des vergrößerten retro-flektierten Uterus auf den entsprechenden oder beide Plexus ischiadici; oder der Retroversio-flexio und Descensus uteri.

Druck wird nicht direkt durch den Uterus, sondern durch die konsekutiv verlagerten und entzündlich geschwollenen Nachbargebilde, die Ovarien, die Tuben erzeugt. Schwere nervöse Störungen im Bereiche der Unterextremitäten hängen meist nicht direkt von einer Retroversio-flexio ab, sondern werden durch diese dann erst auf der Basis hochgradiger allgemeiner Labilität des Nervensystems (Hysterie) erzeugt. Aber auch in solchen Fällen kann die Lagekorrektur des Uterus das Symptom beseitigen (vgl. darüber Kap. XXVI).

Viele Kranke nehmen die falsche Lage des Uterus in der Excavatio rectouterina als lästige Empfindung direkt wahr. Sie lokalisieren sie tief unten in das Becken, andere in das Steißbein. Andere verlegen die Empfindung höher, in die Lendengegend, oder noch höher, zwischen die Schulterblätter bis in den Hinterkopf ausstrahlend. Andere klagen über Schmerzen in den Inguinalgegenden oder oberhalb derselben, auf beiden Seiten gleichmäßig oder vorwiegend auf einer Seite, wenn besonders rechterseits, wird nicht selten die Vermutung oder Fehldiagnose "Appendicitis" ausgesprochen und daraufhin der Wurmfortsatz exstirpiert.

Diese Beschwerden pflegen sich kurz vor oder bei der Periode zu steigern und unter Umständen mit heftigen, krampfartigen Empfindungen zu kombinieren (Dysmenorrhoe). Seltener ist, daß während der Periode eine Besserung, eine relative Euphorie beobachtet wird.

Alle Erscheinungen erfahren eine oft exzessive Höhe, wenn sich mikrobiotische Entzündungen und ihre Konsequenzen, die Fixierung des Uterus und der Adnexa, mit der Lageveränderung der Gebärmutter paaren.

Außerdem gibt es noch eine Reihe von Symptomen, welche von ferner liegenden Organen auszugehen scheinen, welche aber nichtsdestoweniger zum klinischen Bilde der Retroversio-flexio gehören. Jedoch gehören sie in dieses Krankheitsbild nicht ausschließlich hinein, sondern wir treffen sie auch bei anderen Erkrankungen der inneren Genitalien der Frau. Das sind diejenigen Symptome, welche vielfach auch als Teilerscheinungen der Hysterie gelten: Ovarie, sehr häufig, besonders wenn die Adnexe entzündlich erkrankt sind, nervöse Dyspepsie, Globus und Clavus hystericus, Neuralgien im Gebiete des Trigeminus usw. Bei keiner Erkrankung lassen sich die kausalen Beziehungen sinnfälliger und prompter beweisen, als bei der Retroflexion; ist die Retroflexion noch beweglich und unkompliziert, so weichen nach ihrer Behebung all diese hysterischen Symptome meist mit einem Schlage. Ist aber die Retroflexion kompliziert, handelt es sich um entzündliche Erkrankung der Adnexa und des Peritoneum, dann bedeutet die Hebung der Lageveränderung natürlich noch nicht die Hebung der ganzen Krankheit, und auch noch nicht aller fern vom Krankheitssitz lokalisierten Symptome.

Die Fruchtbarkeit, und zwar die Facultas concipiendi, wird durch die Retroflexion entschieden beeinträchtigt, zum mindesten von dem Stadium an, wo die entzündlichen Erscheinungen, besonders die des Endometriums, einen nennenswerten Grad zu erreichen beginnen. Beseitigung der Retroversio-flexio heilt oft experimentartig prompt bis dahin bestehende Sterilität, entbehrt dagegen völlig dieses vorteilhaften Einflusses, sobald Adnexentzündungen erheblicheren Grades komplizieren.

Zur Diagnose der Retroversio-flexio führt ausschließlich die bimanuelle Tastung: Von der Scheide aus fühlt man die meist abnorm weit vorn stehende Portio, vom hinteren Scheideugewölbe aus die sonst obere, jetzt unten hinten gelegene Wand des Uterus. Meist gelingt es leicht, die Kontinuität zwischen Cervix und hinterer Corpuswand zu tasten; erschwert kann das bei scharfwinkliger Retroflexion sein.

Die von außen palpierende Hand stellt unter hinreichender Eindrückung der Bauchdecken fest, daß das, was man im hinteren Scheidengewölbe fühlt, der Uterus, schließt aus, daß es ein hinter dem anteponierten Uterus liegender Körper (Adnextumor, Ovarientumor, retrouterine Haematocele, Myom der hinteren Uteruswand) ist.

In unkomplizierten Fällen ist die Diagnose bei einiger Uebung meist leicht zu stellen. Komplizieren Adnexintumeszenzen, so kann es schwieriger sein, aus den zu tastenden Resistenzen den Uterus herauszupalpieren. In solchen Fällen kann die Sondierung Ausweis erbringen. Die für die Retroversio-flexio passende Sondenkrümmung ist in Kap. XXVII abgebildet.

Weiter machen Fälle gewisse Schwierigkeiten, wo das Corpus uteri nicht ohne weiteres vom hinteren Scheidengewölbe aus zu gewahren ist, die Fälle von mäßiger Neigung des Uteruskörpers nach hinten ohne Knickung. Dabei liegt die vordere - normal untere - Wand des Corpus uteri noch in der Höhe des Beckeneingangs. Diese Fälle werden außerordentlich oft übersehen, nicht als pathologische Lageabweichung des Uterus aufgefaßt und gewürdigt und demnach nicht behandelt. Und gerade diese sind meist die dankbarsten. Meist besteht in diesen Fällen die Lageabweichung noch nicht lange; eine kurzdauernde Pessarbehandlung genügt hier schon oft, den Status quo herzustellen.

Die bimanuelle Tastung muß zart, muß mit weicher Hand geschehen; gewaltsames Drücken von der Scheide, von den Bauchdecken aus ist streng verpönt. Bleiben Zweifel in der Diagnose, sind die Bauchdecken nicht zur Erschlaffung zu bringen - Narkose.

Die Therapie hat zwei voneinander differente Aufgaben zu erfüllen: erst den falsch liegenden Uterus in die richtige Lage zu bringen, dann ihn in dieser Lage zu erhalten.

Die ältere Gynäkologie trennte diese beiden Aufgaben nicht mit der erforderlichen Schärfe; die bloße Einführung von irgendwie gestalteten Pessaren in die Scheide sollte beiden ohne weiteres entsprechen.

Wir lösen diese Aufgaben entweder auf orthopädischem oder auf operativem Wege.




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Dieses Buch ist ein altes Fachbuch, der Inhalt entspricht nicht dem aktuellen Stand der Medizin. Angegebene Therapien entsprechen höchstens dem Stand der Medizin zum angegebenen Druckdatum. Dasselbe gilt für eine ggf. angegebene Rezeptur für ein Medikament. Diese entsprechen nicht dem heutigen Stand der Medizin und sind unter Umständen sogar körperlich schädigend. Die Zubereitung von Rezepturen und die Anwendung derselben gehört in die Hände erfahrener Ärzte und Apotheker.
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